Wo sich normalerweise Studierende tummeln, fangen nun Behälter tropfendes Wasser ein. Seit bald zwei Wochen sind die Türen des Hauptgebäudes der Technischen Universität Berlin (TU) an der Straße des 17. Juni verschlossen, der Universitätsbetrieb dort ist eingestellt. Der Grund: erhebliche Mängel beim Brandschutz, bei Brandmeldeanlagen und der Notstromversorgung. Der Keller, in dem sich brandschutzrelevante Elektrik befindet, ist mit Wasser geflutet.
Zustände wie in der Coronapandemie
Rund 350 wöchentliche Lehrveranstaltungen seien laut der TU von der Schließung des Hauptgebäudes betroffen. Sie müssten in andere Gebäude verlegt werde oder digital stattfinden. Auch denke man darüber nach, Zelte für Studierende aufzustellen oder in Räumlichkeiten anderer Universitäten auszuweichen.
Einer der Betroffenen ist Kevin Schneider, der eigentlich anders heißt. Seinen echten Namen möchte der 24-jährige Informatikstudent nicht nennen. In wenigen Wochen will er mit seiner Masterarbeit beginnen und hat Sorge vor Nachteilen, wenn er sich namentlich äußert. Seit einer Woche sitzt Schneider im Homeoffice, seine Vorlesungen hat er remote am Bildschirm, »ein wenig wie während Corona«, sagt er. Er ist wütend. Die Schäden im Haus seien seit Jahren sichtbar gewesen: Keine der Herrentoiletten habe im Hauptgebäude auf den Stockwerken zwei bis acht funktioniert. Weil der Fahrstuhl oft defekt war, sei er meist zu spät zu Veranstaltungen gekommen.
»Diese Universität ist eine Bruchbude«, so der Student.
Baustelle TU
Wie groß diese Schäden sind und wie lange sie schon sichtbar waren, dokumentiert ein Instagram-Account eines TU-Studierenden. In einem 2022 veröffentlichten Video sieht man Studierende mit Eimern gegen das Wasser in überschwemmten Fluren kämpfen. Das Wasser fließt von der Decke, der Titel: »Regen im Haus«.
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Informatikstudent Schneider sagt: »Ich weiß gar nicht, ob es überhaupt noch intakte Gebäude an der TU gibt.« Dann erzählt er von anderen Orten am Campus. Etwa das Gebäude für Mathematik. Dort habe im Winter die Heizung eigentlich nie funktioniert. Die undichten Fenster hätten im Wind gezittert, so wie manche Studierenden vor Kälte.
Ein weiteres Beispiel für die verschlafenen Sanierungen ist der berühmte »Telefunken-Turm« der TU. Eigentlich hätte Schneider hier Vorlesungen für Informatik gehabt. Doch der Turm ist seit zwei Jahren geschlossen. Damals löste eine Feuermeldung die Sprinkleranlage aus. Ein Wasserrohr platzte, Gebäudeteile wurden geflutet. Gutachten erklärten die Technik für überholt, die Bausubstanz für marode. Das Gebäude steht bis heute leer.
Aus Sorge vor weiteren maroden Uni-Gebäuden hat der Asta der TU Berlin nun auch zu einer Demonstration in dieser Woche aufgerufen. Der »jahrelange Sanierungsstau und die fortgesetzte Unterfinanzierung« drohten, Berliner Universitäten »Stück für Stück unbenutzbar zu machen«, heißt es in einem Instagram-Post . Das geschlossene Hauptgebäude zeige bereits, was das für Studierende bedeute: »ausgefallene Räume, verlegte Veranstaltungen und ein eingeschränkter Unialltag«.
Sanierungsstau in der Hauptstadt
Der Sanierungsstau an der TU beläuft sich nach Angaben der Hochschule auf 2,4 Milliarden Euro. Medienberichten zufolge haben an der Hochschule rund 96 Prozent der Gebäude kurz- oder mittelfristigen Sanierungsbedarf – von 102 Gebäuden sind nur vier in gutem Zustand. An anderen Berliner Hochschulen sieht es nicht besser aus.
Grund dafür sind über Jahrzehnte verschleppte Investitionen. Die Kürzungen der finanziellen Mittel für die Berliner Universitäten aus dem vergangenen Jahr dürften das Problem fehlender Gelder für Sanierungen verschärfen.
Türen des Hauptgebäudes der TU Berlin sind mit rot-weißem Absperrband verschlossen
Foto: Soeren Stache / dpaCzyborra und Wegner bieten Hilfe an
Die Präsidentin der TU, Fatma Deniz, sagte der Nachrichtenagentur dpa, es sei weiterhin unklar, wann das Gebäude wieder öffnen werde. Bei einer Begehung in der vergangenen Woche seien große Mängel sichtbar geworden.
Natürlich wünsche sie sich, dass ganz schnell »während des Semesters wieder aufgemacht werden kann, damit man vielleicht in den Semesterferien Weiteres abarbeiten kann«, sagte Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra. »Aber es ist ja richtig, es hat keinen Zweck, wenn wir den einen Mangel beseitigt haben, wieder zu öffnen, und dann kommt ein neuer, größerer Mangel, der die Schließung wieder nötig macht.« Das sei kein guter Plan.
In einer großen Taskforce-Runde werde nun besprochen, wie es zur nötigen Finanzierung kommen könne und welche Maßnahmen schnellstmöglich abgearbeitet werden müssten, sagte Czyborra. Im Rahmen der Schnellbauinitiative wurde demnach eine Vorlage an den Senat auf den Weg gebracht. Damit könnten knapp 20 Millionen Euro für kurzfristige Maßnahmen in einen Topf geworfen werden.
Auch der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) machte sich vergangene Woche vor Ort ein Bild von der Lage. »Wir setzen jetzt alles daran, dass Forschung, Lehrbetrieb und Verwaltung schnellstmöglich wieder gut arbeiten können«, wird Wegner in einem Beitrag auf Instagram zitiert. Der Präsidentin der TU habe er umfassende Unterstützung angeboten.
Mit Material von dpa

