In zwei Bio-Company-Märkten in Berlin ging mit dem Stromausfall seit dem vergangenen Samstag erst mal nichts mehr. Kein Licht, keine Kühlung. Angeschnittenes Fleisch, das schon in der Auslage lag, musste die Supermarktkette entsorgen. Dabei hatten die zwei Filialen noch Glück im Unglück: Den größten Teil der Ware konnten sie retten – und etwa Tiefkühl- und Molkereiprodukte bei einem Großhändler und einem Logistiker zwischenlagern.
So oder so ähnlich wie der Bio Company ergeht es im Südwesten von Berlin derzeit vielen Betrieben. Die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) schätzen, die Schäden könnten am Ende in die Millionen gehen. Tausende Firmen seien quer durch alle Branchen betroffen: Handwerker, Händler, Industriebetriebe.
In welchem Ausmaß, unterscheidet sich von Betrieb zu Betrieb. Einige, etwa Ladengeschäfte mit elektronischen Kassensystemen, Restaurants oder Werkstätten, mussten vorübergehend schließen. Der ein oder andere Handwerksbetrieb dagegen kann womöglich doch arbeiten. Maler oder Maurer beispielsweise sind für viele Arbeiten etwa nicht auf Strom angewiesen und können womöglich auch Aufträge in anderen Stadtteilen vorziehen.
Besonders betroffen sind viele jener Unternehmen, die mit elektrischen Maschinen arbeiten – oder Lebensmittel sowie andere verderbliche Waren verarbeiten, die gekühlt oder erhitzt werden müssen. Allen voran Fleischer, Bäckerinnen oder Floristen, aber auch Optiker, Tischler oder Kfz-Meister. Die Umsätze brechen weg, die Produktion steht still – während die Kosten weiterlaufen.
Notstromaggregate fehlen
In den zwei Bio-Company-Filialen in Berlin-Zehlendorf arbeiteten eigene Techniker und externe Dienstleister daran, irgendwie doch einen Betrieb hinzubekommen. Zumindest für eine der beiden, am Wiesenschlag, gab es bereits Montag Abend Entwarnung. Sie hat wieder Strom und am Dienstag wieder geöffnet.
Stromausfall in Berlin
Sebastian Gollnow / Sebastian Christoph Gollnow / dpa
Die »Berliner Zeitung« wiederum zitiert eine Sprecherin des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga, die von Umsatzeinbußen in den betroffenen Gebieten ausgeht, »weil Gäste nicht untergebracht und bewirtet werden können und Waren bei unterbrochener Kühlkette nicht mehr verwendet werden dürfen«. In anderen Bezirken kann das Gastgewerbe womöglich profitieren: Viele sind wegen des Stromausfalls in Pensionen oder Hotels untergekommen – und nach Protesten will Berlin die Kosten auch übernehmen.
Trost dürfte das längst nicht für alle bedeuten. »Ein Stromausfall, wie er aktuell in Teilen von Berlin besteht, kann für viele handwerkliche Betriebe einen Totalausfall zur Folge haben«, sagt Elke Sarkandy. Eine belastbare Bewertung des Schadens ist der Sprecherin der Berliner Handwerkskammer zufolge noch nicht möglich. Hierzu fehle es noch an entsprechenden Rückmeldungen aus den betroffenen Betrieben.
Noch nicht mal die genaue Zahl der geschädigten Betriebe stehe fest. Der ein oder andere befinde sich womöglich auch noch im Jahresurlaub. In den vom Stromausfall betroffenen Gegenden gebe es jedoch bis zu 800 Handwerksbetriebe. Damit die Unternehmen nicht auf dem Schaden sitzen bleiben, verlangt die Handwerkskammer Hilfe des Berliner Senats. »Wirtschaftliche Härten müssen im Einzelfall unbürokratisch abgefedert werden«, fordert Kammersprecherin Sarkandy. Gerade bei kleineren Betrieben sei dies nötig: »Die können sich keine teuren Notstromaggregate leisten.«
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UVB-Hauptgeschäftsführer Alexander Schirp sieht ebenfalls die Politik in der Pflicht. »Dieser erneute Angriff zeigt, dass wir einen besseren Schutz unserer kritischen Infrastruktur benötigen«, verlangt er. »Darum müssen sich die zuständigen staatlichen Stellen dringend intensiver kümmern.« Der lückenhafte Schutz sei »ein ernstes Problem und schürt Unsicherheit in der Wirtschaft«, sagte Schirp. Die Behörden vermuten hinter dem Ausfall aktuell Sabotageakte von Linksextremisten.
Insgesamt ist es bereits das dritte Mal in drei Jahren, dass es in Berlin und im Umland zu einem großflächigen Stromausfall gekommen ist. Zehntausende Haushalte sind noch immer ohne Strom. In der zweiten betroffenen Bio-Company-Filiale in der Breisgauer Straße sollte am Nachmittag immerhin ein Notstromaggregat aufgestellt werden, welches die Kette über den Handelsverband organisieren konnte. Für betroffene Kunden schenkt die Kette in umliegenden Berliner Märkten zudem kostenlos Tee aus – und bietet die Möglichkeit, das Handy aufzuladen.
