Wer künftig in Berlin Abitur macht, muss sich in der gymnasialen Oberstufe nicht mehr zwingend mit der Geschichte der deutschen Teilung, mit der DDR und dem Mauerfall auseinandersetzen. Grund dafür ist eine neue Verordnung von Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU), die für erhebliche Kritik bei Geschichtslehrkräften sorgt.
Man halte die Entscheidung »für einen schwerwiegenden Fehler«, heißt es in einem offenen Brief, den der Verband der Geschichtslehrerinnen und -lehrer Deutschlands, der Landesverband der Geschichtslehrer sowie die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur unterzeichnet haben. Sie bitten die Senatorin »eindringlich«, von den Plänen Abstand zu nehmen.
Berlin stehe »in einer besonderen historischen Verantwortung«, heißt es in dem Brief, der dem SPIEGEL vorliegt. Keine andere deutsche Stadt sei in vergleichbarer Weise mit den beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts verbunden wie Berlin; mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ebenso wie mit der kommunistischen Diktatur der SED und der jahrzehntelangen Teilung der Stadt. Gerade deshalb sei »nicht nachvollziehbar, dass ausgerechnet in Berlin zentrale Kapitel dieser Geschichte im Schulunterricht an Verbindlichkeit verlieren sollen«.
Der Hintergrund ist etwas kompliziert, der Teufel steckt im Detail: Die besagten Themen werden keineswegs vom Lehrplan gestrichen. Die Kritik richtet sich vielmehr gegen Änderungen zur Belegungspflicht in der gymnasialen Oberstufe. Eine neue Verordnung sieht vor, dass Schülerinnen und Schüler im dritten und vierten Kurshalbjahr nicht mehr unbedingt das Fach Geschichte belegen müssen. Im dritten Halbjahr stehen unter dem Oberbegriff »Zeitgeschichte ab 1945« unter anderem die Teilung Deutschlands und die Geschichte der DDR auf dem Lehrplan.
Kritik: Verbesserung läuft ins Leere
Die Geschichtslehrer betonen deshalb in ihrem Brief: »Wir begrüßen es ausdrücklich, dass der neue Rahmenlehrplan vorsieht, der Geschichte der DDR und der deutschen Teilung mehr Zeit und ein eigenes Kurshalbjahr einzuräumen.« Diese inhaltliche Stärkung sei ein wichtiger Schritt. Doch diese Verbesserung laufe ins Leere, wenn nicht alle Oberstufenschüler vier Pflichtsemester Geschichte belegen müssten. Genau dies schlage man als Lösung vor, Vorbild sei Brandenburg. »Ein Lehrplan entfaltet seine Wirkung nur dann, wenn die vorgesehenen Inhalte auch tatsächlich alle Schülerinnen und Schüler erreichen«, betonen die Geschichtslehrkräfte.
Dass die Themen in der Mittelstufe Pflichtstoff an Berliner Schulen sind und bleiben, reicht nach Einschätzung der Lehrerinnen und Lehrer nicht aus. Bereits heute zeige sich, dass die Beschäftigung mit der DDR-Geschichte in der Sekundarstufe I häufig »zeitlich stark begrenzt ist und vielfach verkürzt stattfindet«, kritisieren sie in dem Brief.
Ohne eine verpflichtende Vertiefung in der gymnasialen Oberstufe bestehe »die reale Gefahr, dass noch mehr Schülerinnen und Schüler die Schule verlassen, ohne sich über die 10. Klasse hinaus systematisch mit der kommunistischen Diktatur, der Teilung Berlins und Deutschlands sowie der Friedlichen Revolution auseinandergesetzt zu haben«.
Diese Auseinandersetzung sei »ein unverzichtbarer Bestandteil historisch-politischer Bildung«, so die Unterzeichner. »Angesichts aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen – der Verharmlosung von Diktaturerfahrungen, der Verbreitung geschichtsrevisionistischer Narrative und der wachsenden historischen Distanz junger Generationen – ist eine fundierte und verpflichtende historisch-politische Bildung dringender denn je.«
Eine erste Reaktion der Senatorin auf den Brief fällt zurückhaltend aus, lässt aber eine Möglichkeit offen, die Entscheidung zu überdenken. Günther-Wünsch habe den offenen Brief erhalten und gelesen, teilte ein Sprecher auf SPIEGEL-Anfrage mit. »Die darin angesprochenen Hinweise nehmen wir zum Anlass, den betreffenden Sachverhalt nochmals in den Blick zu nehmen.«
