SpOn 27.11.2025
11:36 Uhr

Bayern München verliert beim FC Arsenal: Wie der FCB seine Souveränität verlor


Die erste Niederlage der Saison hat die Defizite der Bayern deutlich gemacht: hilflos bei den Eckbällen des FC Arsenal, zu langsam bei den Kontern. Besonders problematisch: Es war die Fortsetzung eines Trends.

Bayern München verliert beim FC Arsenal: Wie der FCB seine Souveränität verlor

Müsste man sich auf eine bestimmte Szene festlegen, die sich als Sinnbild für das gesamte Spiel eignen würde, dann wäre es am besten dieser eine Moment in der 75. Minute. Harry Kane wollte aus der eigenen Hälfte über die rechte Seite einen Münchner Angriff einleiten, als auf Höhe der Mittellinie Declan Rice heranrauschte. Mit einem grandiosen wie fairen Tackling grätschte Rice den Ball ins Seitenaus und brachte seinen Gegenspieler zu Boden.

Und während sich Kane wieder aufrappelte, bejubelte Rice seine Aktion, riss die Arme nach oben und ließ sich vom Publikum feiern. Das Stadion bebte – an einem Abend, an dem der FC Bayern München aus mehreren Gründen mehrfach ins Straucheln geriet und gegen die Wucht, den Willen, die Laufbereitschaft des FC Arsenal kaum etwas entgegenzusetzen hatte.

»Wir waren mit dem Ball nicht gut genug«

Das 1:3 im Spitzenspiel der Champions League war die erste Saisonniederlage der Bayern. Dass es eine höchst verdiente war, das bestätigten unisono auch die Vertreter der Münchner Delegation. Sportvorstand Max Eberl, Torwart Manuel Neuer, Linksverteidiger Konrad Laimer, niemand wollte etwas beschönigen.

Auch Joshua Kimmich sah es so: »Wir waren mit dem Ball nicht gut genug«, sagte er, »und gegen den Ball physisch nicht auf der Höhe.« Ein ebenso schonungsloses wie zutreffendes Fazit.

Bayern-Keeper Manuel Neuer (l.) guckt Arsenals Gabriel Martinelli hinterher: »Nicht gut genug«

Bayern-Keeper Manuel Neuer (l.) guckt Arsenals Gabriel Martinelli hinterher: »Nicht gut genug«

Foto: Bernd Feil / M.i.S. / MIS / IMAGO

Nun bringt, und das ist die positive Erkenntnis, die Niederlage vorerst keine bösen Konsequenzen mit sich. Die Bayern sind weiter auf Kurs, sich nach der Vorrunde als eines der acht besten Teams direkt fürs Achtelfinale zu qualifizieren.

Der Umweg wie im Vorjahr über die Playoffs dürfte ihnen erspart bleiben. Mit zwei Heimspielen gegen Sporting Lissabon und Union Saint-Gilloise sowie einer Auswärtsreise nach Eindhoven haben sie noch ein eher leichtes Restprogramm in der Ligaphase.

Die Bayern haben den Klub-Weltmeister Chelsea 3:1 geschlagen, auswärts Paris Saint-Germain, den Titelverteidiger, eindrucksvoll 2:1 besiegt. Da kann man nach insgesamt 18 ungeschlagenen Saisonspielen schon auch mal verlieren, zumal gegen den souveränen Tabellenführer der Premier League. Arsenal ist die derzeit wohl beste Mannschaft Europas.

Das schlechte Ergebnis an sich ist nicht das Problem.

Erschütternde Machtlosigkeit

Aber einige Erkenntnisse gibt es trotzdem. Und sie sollten den Bayern zu denken geben.

Unter anderem die fast schon erschütternde Machtlosigkeit, die sie bei den gefürchteten Standardsituationen des FC Arsenal offenbarten. Dabei hatten sie alle noch gewarnt. Weil derzeit kein anderes Team nach Ecken, Freistößen und weiten Einwürfen dank akribischer Trainingsmethodik so viele Tore erzielt wie Arsenal. Und weil die Bayern selbst ihre vier bisher letzten Gegentore gegen Union Berlin (2:2) und den SC Freiburg (6:2) allesamt aus ruhenden Bällen kassierten.

Der Gegentreffer zum 0:1 am Mittwochabend war in dieser Serie dann der fünfte.

Bayern-Profi Joshua Kimmich (M.): »Physisch nicht auf der Höhe«

Bayern-Profi Joshua Kimmich (M.): »Physisch nicht auf der Höhe«

Foto: Andy Rain / EPA

Nach einer Ecke von Bukayo Saka standen acht Münchner Spieler plus Torwart Neuer im eigenen Fünfmeterraum – und doch konnten sie das Kopfballtor von Jurrien Timber nicht verhindern.

Sportvorstand Eberl erklärte später unverblümt, dass solche Standards schlicht und einfach »nicht zu verteidigen« seien. »Sie stiften Chaos, sie verwirren dich, du weißt nicht, wann sie wo stehen«, so Eberl. »Und Chaos kannst du nicht verteidigen.« Womit Eberl einräumte, dass seine Spieler so einer Mannschaft wie Arsenal in diesen Situationen nicht ebenbürtig seien.

Es klang fast wie eine Kapitulation.

Chaos produziert

Und solche Situationen gab es oft, weil Arsenal genau jenes Chaos kreieren konnte. »Wir haben einfach viel zu viele Standards zugelassen«, sagte Kimmich. Auch zu Beginn der zweiten Halbzeit, als die Gunners beim Stand von 1:1 enormen Druck aufbauten, immer wieder ganz bewusst Eckbälle erzwangen. Und immer wieder wirkte die Münchner Abwehr bedenklich unsicher. Schon zu diesem Zeitpunkt hätte Arsenal längst verdient in Führung gehen können. Manches bei den Bayern wirkte hilflos.

Münchner Stürmer Harry Kane (r.): Diesmal unauffällig

Münchner Stürmer Harry Kane (r.): Diesmal unauffällig

Foto: Andy Rain / EPA

Doch als sie diese Drangphase mit Glück überstanden, gab es einen kurzen Moment, in dem es schien, als würden die Bayern die Kontrolle über das Spiel gewinnen.

Es war die Phase zwischen der 64. und 66. Minute. Knapp zwei Minuten lang drängten die Bayern Arsenal sachte zurück. Doch plötzlich kam wieder Hektik auf. Und ab dem Augenblick, als Konrad Laimer auf der linken Offensivseite den Ball verlor, war es um die Bayern geschehen. Sie fielen auseinander – und kassierten noch zwei Treffer ein.

Arsenal in Jubelstimmung

Arsenal in Jubelstimmung

Foto: David Klein / REUTERS

Problematisch waren für Bayern-Trainer Vincent Kompany die vielen individuellen Fehler seiner Spieler. Der verunsicherte Innenverteidiger Dayot Upamecano, der mit einem Fehlpass das 1:2 einleitete. Der in seiner Leistung schwankende Manuel Neuer, der beim ersten Tor unglücklich aussah und der sich beim dritten Gegentreffer weit vor seinem Tor von Gabriel Martinelli überlaufen ließ. Der diesmal unauffällige Harry Kane und auch der zuletzt so überragende Michael Olise, der sich mit seinen Dribblings immer wieder festrannte.

Auch das darf natürlich alles mal passieren, die Frage ist nur: Hatten sie einfach nur einen schlechten Abend? Oder war es mehr als das?

Sind das bereits erste Anzeichen von Verschleiß? Nach so vielen großartigen, aber doch sehr intensiven Spielen ist es vielleicht doch ein Indiz auf einen sehr dünnen, auf einen zu dünnen Kader?

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Arsenal hingegen glückten bei den Treffern von Noni Madueke und Martinelli zwei Joker-Tore, eine der Vorlagen lieferte der ebenfalls eingewechselte Riccardo Calafiori. Zumindest an diesem Abend schien es, als sei der FC Arsenal wesentlich breiter aufgestellt als die Münchner.

Und dann sind da noch die nun schon sieben Gegentore in den vergangenen drei Pflichtspielen, bei denen die Bayern immer in Rückstand gerieten und nur eines gewinnen konnten. Ist das nur ein leichter Durchhänger oder erkennt man hier ein grundsätzliches Problem?