Der Bus kommt pünktlich, obwohl kein Fahrer darin sitzt – oder gerade deswegen? Autonom fahrende Shuttles und Busse könnten den öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) in Deutschland angenehmer und effektiver machen. Das geht aus einer Studie im Auftrag von DB Regio hervor, der Regionalverkehrssparte der Deutschen Bahn. Laut den Szenarien für das Jahr 2045 könnten sich die Wartezeiten für Fahrgäste mancherorts halbieren, Straßen würden entlastet und ländliche Gebiete besser angebunden, wenn autonome Fahrzeuge flächendeckend eingesetzt werden.
Den größten Nutzen entfaltet die Technologie demnach nicht, wenn nur bestehende Buslinien automatisiert oder privatwirtschaftliche Robotaxis eingesetzt werden. Letzteres würde das Verkehrsaufkommen in Metropolen demzufolge sogar um bis zu 40 Prozent erhöhen.
Die Technologie wird bereits bundesweit in Pilotversuchen erprobt. In den USA und China etwa sind autonome Fahrzeuge privater Anbieter bereits ohne Fahrer im kommerziellen Betrieb unterwegs, etwa rund 1000 Stück im täglichen Verkehr in San Francisco. Erste sogenannte Robotaxi-Verkehre sind laut Studie auch für deutsche und europäische Städte angekündigt.
170 Euro pro Monat sparen
»Die Technologie und die Gesetze für die Anwendung im ÖPNV sind da«, sagte Frederik Ley, Vorstand Straße bei der Bahn-Tochter DB Regio. »Den größten Nutzen können wir daraus ziehen, wenn wir den ÖPNV grundlegend weiterentwickeln und das Angebot ausbauen – mit autonomen Shuttles, optimierten Buslinien und einer Verknüpfung zum Zug.«
Für dieses erfolgversprechende Szenario wären rund eine Million autonomer Shuttles und Busse nötig. Zum Vergleich: Heute gibt es den Angaben zufolge rund 70.000 Busse. Die durchschnittliche Wartezeit sänke dann in Metropolen auf fünf Minuten und im ländlichen Raum auf 13 Minuten, was dort halb so viel wäre wie bisher. Der Anteil des ÖPNV an der gesamten Verkehrsleistung würde sich auf 35 Prozent mehr als verdoppeln. Die Belastung durch den Straßenverkehr in Städten könnte um bis zu elf Prozent zurückgehen.
Was ebenfalls reizvoll klingt: Die öffentlichen Zuschüsse zum ÖPNV könnten trotz des ausgebauten Angebots um 20 Prozent sinken. Das wäre möglich, wenn die Technik besser wird und Nutzer mehr zahlen. Autofahrende würden 2045 beim Umstieg auf den ÖPNV dennoch durchschnittlich 170 Euro pro Monat sparen, heißt es laut der Studie. Sie würden im Monat selbst dann mehr Geld für ihr Auto ausgeben, als sie für Bus und Bahn zahlen müssten, wenn die Tickets teurer wären als heute.
Erstellt wurde die Studie in Zusammenarbeit mit dem Software- und Verkehrsplanungs-Unternehmen ioki, dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT), dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der Prognos AG.
»Autonomes Fahren ist mehr als Technik – es ist eine Chance, Mobilität effizient und wirtschaftlich nachhaltig zu gestalten«, erklärte Meike Jipp, Bereichsvorständin für Energie und Verkehr beim DLR. Mobilität sei allerdings nicht rational, sondern tief verwurzelt in Routinen und Emotionen. Menschen verändern ihre Gewohnheiten nur, wenn das neue Angebot verlässlich und attraktiv sei sowie in ihr Alltagsleben passe, sagte Jipp.
Sie ist überzeugt: Solch ein flächendeckendes System würde nicht nur den Fahrgästen, sondern auch der deutschen Wirtschaft helfen, weil so ein neuer Markt für selbstfahrende Fahrzeuge in Europa geschaffen wird.
