SpOn 03.02.2026
11:00 Uhr

Bafög: Thüringen plant langfristige Lösung gegen Antragsstau


Schon lange stauen sich Bafög-Anträge in Thüringen, weil dort besonders viele im Fernstudium eingeschrieben sind. Nun sollen Studierende schneller an ihr Geld kommen. Allerdings nur die, die bisher keinen Antrag gestellt haben.

Bafög: Thüringen plant langfristige Lösung gegen Antragsstau

Acht bis neun Monate: So lange warteten Studierende in Thüringen mitunter auf ihr Bafög, wie die Konferenz Thüringer Studierendenschaften (KTS) im vergangenen Jahr  bekannt gab. Verantwortlich für den dramatischen Stau ist vor allem die IU Internationale Hochschule, Deutschlands größte Hochschule.

Bereits 2019 hat sie ihren Sitz von Nordrhein-Westfalen nach Thüringen verlegt. Seither wächst die IU rasant: Während 2016 nach eigenen Angaben noch 10.000 Studierende eingeschrieben gewesen seien, sind es inzwischen mehr als 130.000. Viele von ihnen absolvieren ein Fernstudium, studieren dual oder berufsbegleitend.

Stau durch private Hochschule

Das Problem: Bislang mussten alle IU-Studierenden Bafög beim Thüringer Studierendenwerk beantragen, unabhängig von ihrem Wohnsitz. Das zeigte sich zuletzt zunehmend überfordert. Von den gut 22.000 Anträgen, die man 2024 zu bearbeiten gehabt habe, seien nach eigenen Angaben rund 12.000 von IU-Studierenden gekommen. Der SPIEGEL hat im vergangenen Jahr über das Problem berichtet  und mit betroffenen Studierenden gesprochen.

Nun soll sich etwas ändern: Um die Zahl der zu bearbeitenden Anträge langfristig deutlich zu reduzieren, sollen künftig nur noch Bafög-Anträge von Studierenden mit Wohnsitz in Thüringen dort bearbeitet werden, wie das Wissenschaftsministerium mitteilte. Die Neuregelung betreffe nur Studierende an nicht staatlichen Universitäten. Zuvor hatten Funke Medien Thüringen berichtet.

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Künftig sollen die Fernstudierenden nach den Plänen des Ministeriums in ihrem Heimatbundesland Bafög beantragen. Das sei eigentlich die bundesweite Regelung, größere Probleme erwarte das Ministerium mit der Änderung nicht, sagte ein Sprecher. In Thüringen würden dann noch geschätzt 2000 bis 3000 IU-Studierende Anträge stellen.

Die Änderungen könnten schon zum Sommersemester greifen

Nach dem Plan des Ministeriums sollen die Änderungen schon zum Sommersemester greifen – dank eines beschleunigten Verfahrens im Landtag. Schon vorliegende Anträge müssen aber noch in Thüringen abgearbeitet werden. Dazu wurden zuletzt 30 neue Stellen im Studierendenwerk geschaffen. Nur Neuanträge sollen dann in die jeweiligen Herkunftsländer gehen.

Linke-Fraktionschef Christian Schaft signalisierte Offenheit für den Vorstoß. Denjenigen, die bereits einen Bafög-Antrag gestellt haben, helfe das aber wahrscheinlich nicht. »Für die kurzfristige Entlastung wäre eine zweite Lösung die pauschale Auszahlung eines Notfalldarlehens, sobald ein Antrag länger als drei Monate immer noch in der Bearbeitung ist«, sagte Schaft. Diesen Vorschlag habe seine Fraktion bereits im Herbst gemacht. Eigentlich muss der erste Bafög-Antrag von Studierenden innerhalb von sechs Wochen bearbeitet werden, andernfalls können sie eine Vorschussleistung beantragen.

Foodsharing und Blutplasmaspenden

Mit der Protestkampagne »Bafög oder Abbruch«  machten Thüringer Studierende bereits im vergangenen Frühjahr auf ihre prekäre Lage aufmerksam. Sie organisierten landesweite Kundgebungen, reichten eine Petition beim Landtag ein und führten eine nicht repräsentative Umfrage unter mehr als tausend Studierenden durch.

Demnach sind oder waren mehr als 70 Prozent der teilnehmenden Studierenden Bafög-Empfänger, 22 Prozent von ihnen stellten zumindest einen Erstantrag. Mehr als 80 Prozent gaben an, durch die Wartezeiten finanzielle Engpässe erlebt zu haben. 75 Prozent berichteten von emotionalen oder psychischen Belastungen. Mehr als ein Drittel verschuldete sich. Während die meisten durch ihre Familie oder durch Arbeit aufgefangen wurden, griffen andere auf Foodsharing zurück oder spendeten Blutplasma.

faq/dpa