Seit einigen Monaten ist in Deutschland ein neues Medikament verfügbar, das erstmals nicht nur die Symptome von Alzheimer bekämpfen soll, sondern auch die Ursache. Heilen kann Leqembi, wie das Mittel heißt, die Krankheit nicht, aber laut Studiendaten den Verlauf in der frühen Phase der Krankheit bremsen. Dennoch gibt es laut einem Expertengremium keinen Beleg für einen zusätzlichen Nutzen des neuen Medikaments gegenüber der bisherigen Standardtherapie.
Der in Leqembi enthaltene Wirkstoff Lecanemab habe laut den bisher verfügbaren Daten bei der Lebensqualität und der Symptomatik nicht besser abgeschnitten als vorherige Mittel, schreibt der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken (G-BA). Leqembi kann trotz dieses Beschlusses zunächst weiter verordnet werden, langfristig ist das jedoch fraglich.
Hersteller könnte Medikament wieder vom Markt nehmen
Leqembi ist seit dem 1. September 2025 in Deutschland verfügbar. Erste Patienten werden damit bereits therapiert. (Mehr dazu lesen Sie hier.)
Die G-BA-Bewertung hat einen großen Einfluss auf die Verhandlungen über den Preis, den gesetzliche Krankenkassen künftig für Leqembi zahlen. Einigen sie sich nicht, könnte der Hersteller das Mittel vom deutschen Markt nehmen.
»Kein Zusatznutzen bedeutet nicht, dass der Wirkstoff nutzlos ist«, betont der G-BA-Vorsitzende Josef Hecken. Es gehe dabei darum, ob der Wirkstoff Vorteile im Vergleich zu bislang in Deutschland angewendeten Behandlungen habe. Neue Daten des Herstellers könnten künftig möglicherweise einen solchen Zusatznutzen noch belegen.
Hohe Kosten
Das neue Alzheimermedikament ist im Vergleich zu bisherigen Therapien sehr viel teurer. Die häufig bei Alzheimer eingesetzten Medikamente, sogenannte Acetylcholinesterase-Hemmer, kosten rund 20 bis 30 Euro pro Monat – Leqembi kostet aktuell etwa das Hundertfache.
Im Dezember war auch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) zu dem Schluss gekommen, dass Leqembi laut den bisher verfügbaren Daten keinen zusätzlichen Nutzen bietet. Dieser Einschätzung folgt nun auch der G-BA. Allerdings gab es Kritik an der IQWiG-Analyse, etwa daran, welche Studiendaten für die Bewertung herangezogen wurden. (Mehr dazu lesen Sie hier.)
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Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) kritisiert die Einschätzung des G-BA und warnt vor einer Versorgungslücke, sollte das Medikament wieder vom Markt genommen werden.
»Mit Lecanemab kann erstmals kausal in den Verlauf der Alzheimererkrankung eingegriffen werden«, sagt Alzheimerexperte Frank Jessen von der DGPPN. Laut Studiendaten schritt die Alzheimererkrankung bei Patienten im Frühstadium um 30 Prozent langsamer voran, wenn sie mit dem neuen Alzheimermedikament behandelt wurden. »Aus klinischer Perspektive ist das ein klarer Zusatznutzen«, so Jessen weiter. Zudem lasse sich Leqembi wegen seiner neuen Wirkweise nicht mit bisher verfügbaren Medikamenten vergleichen.
Der SPIEGEL hat einen Leqembi-Patienten bei der Therapie begleitet. Hier können Sie nachlesen, was er sich von dem Medikament erhofft.
