SpOn 13.05.2026
18:29 Uhr

Alexander Hurst wurde an der Börse: »Es ist erstaunlich, wie schnell man zum Arschloch wird«


Alexander Hurst brachte es mit riskanten Börsengeschäften binnen Monaten zum Millionär – und verlor alles wieder. Hier erzählt er, wie das viele Geld sein Beziehungsleben veränderte und warum junge Männer so anfällig fürs Zocken sind.

Alexander Hurst wurde an der Börse: »Es ist erstaunlich, wie schnell man zum Arschloch wird«

Hurst, 35, wuchs in der US-Industriestadt Cleveland auf, seine Eltern beschreibt er als besitzlose Hippies. 2014 kam er für Studien an der London School of Economics and Sciences Po Paris nach Europa. Seine Erlebnisse als Smartphone-Trader, der jeden Tag dem großen Geld hinterherjagt, hat er in einem Buch festgehalten, das nun auf Deutsch erscheint: »Die besten 1,2 Millionen Dollar, die ich je verloren habe«. Goldmann; 304 Seiten; 18 Euro.

SPIEGEL: Herr Hurst, Ihr Finanzabenteuer endete im Fiasko. Statt mehr als einer Million Dollar, die Sie zwischenzeitlich besaßen, hatten Sie 100.000 Dollar Schulden beim US-Fiskus und einer Bank. Was ist Ihr Kontostand heute?

Hurst: Knapp über null, immerhin. Ich konnte die Steuerschulden herunterhandeln, auf 29.000 Dollar. Die Behörden haben eingesehen, dass bei mir nicht mehr zu holen ist. Ich stehe finanziell wieder genau da, wo ich vor dem Intermezzo als Börsenhändler war.

SPIEGEL: Sie haben angefangen zu zocken, als im Frühjahr 2020 die erste Coronawelle anrollte.

Hurst: Ich war 29 und pleite. Einmal wischte ich auf meinem Smartphone von der Dating-App Bumble hinüber ins Internetforum Reddit. Dort entdeckte ich das Unterforum WallStreetBets, Wall-Street-Wetten. Ich wollte nicht mehr wie ein Bettelstudent leben und dachte, dass auch mein Dating-Leben einfacher würde, müsste ich nicht mehr in einer WG wohnen, wo mich nur eine Pappwand von meiner Mitbewohnerin trennte.

12.500 Euro Startkredit von der Bank

SPIEGEL: Über Reddit ins Börsengeschäft?

Hurst: Ja, dort berichteten Nutzer, die mir finanztechnisch nicht gebildeter erschienen als ich, sie hätten eine Million Dollar mit Aktienoptionen des Autoherstellers Tesla gemacht. Ich dachte: Das kann ich auch! Zugleich hörte ich von diesem Virus, das bald alles lahmlegen könnte. Ich hatte Angst, auf dem Trockenen zu sitzen. Deshalb ging ich hier in Paris zu einer Bank und habe mir 12.500 Euro geliehen.

SPIEGEL: Kannten Sie sich überhaupt gut genug aus, um an den Märkten mitzuspielen?

Hurst: Bei mir zu Hause wurde wenig über Geld gesprochen, Finanzanlage war gleichbedeutend mit Girokonto. Dabei ist es sinnvoll, in Aktien anzulegen. Man darf es nur nicht so machen wie ich und Millionen anderer in meiner Generation, die in einer nihilistischen Scheißegal-Haltung auf Onlineapps herumzocken. Sie gehen viel zu hohe Risiken ein.

Exponentielles Wachstum im Portfolio

SPIEGEL: Sie haben den Kredit in spekulative Finanzgeschäfte gesteckt.

Hurst: Das hat sich sehr gelohnt! Während die Welt anhand der Corona-Ansteckungszahlen lernte, was exponentielles Wachstum bedeutet, sah ich es an meinem Portfolio.

Buchautor Hurst in Paris: »Dann setzten Gier und Neid ein«

Buchautor Hurst in Paris: »Dann setzten Gier und Neid ein«

Foto: Antoine Doyen

SPIEGEL: Welche Gefühlsstadien durchläuft man auf dem Weg vom Habenichts zum Millionär und zurück?

Hurst: Anfangs habe ich Selbstbestätigung empfunden, die aber schnell in Übermut umschlug. Ich war überzeugt, dass ich Trends vor dem Markt erkannte, zum Beispiel mit meinen Investments in Solaraktien. Dann setzten Gier und Neid ein. Ich wollte mir nicht mehr bloß eine Wohnung leisten. Sondern bitte schön eine große Wohnung mit Dachterrasse und Jacuzzi und Blick über die Dächer von Paris.

SPIEGEL: Alles lief gut, bis 2021 der Absturz kam.

Hurst: Nach elf Monaten setzten die Verluste ein, es ging runter vom Kurzzeit-Peak bei 1,6 Millionen Dollar auf 900.000 Dollar. Ich wurde nervös und machte nichts Durchdachtes mehr. Den Verlusten hinterherzujagen, hat mich psychisch völlig erschöpft.

»Ich habe Hoffnungen und Träume verloren, den Traum von einem stabilen Leben in Wohlstand.«

Alexander Hurst

SPIEGEL: Sie sind sogar zum Psychotherapeuten gegangen.

Hurst: Ich empfand Trauer. Es war zwar niemand gestorben, aber es ging um mehr als um Geld. Ich habe Hoffnungen und Träume verloren, den Traum von einem stabilen Leben in Wohlstand.

SPIEGEL: In Ihrem Buch schreiben Sie, die Trading-Apps hätten Sie in ein Arschloch verwandelt. Wie das?

Hurst: Es ist erstaunlich, wie schnell man zum Arschloch wird. Die Gier hat den Verstand ausgeschaltet, ich war ein Besessener. Jedes Mal, wenn ich eine Zielmarke erreicht hatte – 100.000 Dollar, 300.000, eine Million –, fragte ich mich: Ist das genug? Die Antwort war immer: nein. Ich verglich meinen Kontostand nicht mehr mit dem Wenigen, was ich vorher besessen hatte, sondern ließ mich locken von dem Mehr, das möglich schien. Zugleich ging mir die Empathie gegenüber prekären Menschen verloren. Ich weiß auch noch, wie ich einmal sehr arrogant war gegenüber dem Personal einer Airline, weil ich als Businesskunde eine Sonderbehandlung erwartete.

Schiff von Royal Caribbean im Hafen von Neapel: Erfolgreiche Wetten gegen den Kreuzfahrt-Anbieter

Schiff von Royal Caribbean im Hafen von Neapel: Erfolgreiche Wetten gegen den Kreuzfahrt-Anbieter

Foto: Wayleebird / Visually / picture alliance

SPIEGEL: Ihren flüchtigen Reichtum hatten Sie kaum mit klassischen Aktien erlangt, sondern mit riskanten Kurswetten, wo die Ausschläge viel größer sind.

Hurst: Verändert sich der Wert einer Aktie beispielsweise um zehn Prozent, schwanken die Optionen auf den Kauf oder Verkauf dieser Aktie schnell um 100 oder 200 Prozent. Als Corona kam, wettete ich auf diese Weise erfolgreich gegen den Kreuzfahrtanbieter Royal Caribbean. Ich fühlte mich dabei auch moralisch im Recht, weil Kreuzfahrten ökologisch fragwürdig sind.

SPIEGEL: Einmal verbuchten Sie binnen 40 Minuten ein Plus von 300.000 Dollar. Geht da der Sinn für den konkreten Wert verloren?

Hurst: Irgendwann ist es wie ein Videospiel. Lustige Party-Emojis flattern über den Bildschirm. Du sammelst Punkte, du bist euphorisch, willst noch mehr Punkte. Vom Gewinnen kriegt man nie genug.

»Das ist das Absurde meiner Generation: Im Risiko suchen wir Stabilität.«

Alexander Hurst

SPIEGEL: Im Grunde berichten Sie hier von Spielsucht. Sie nennen es »Verzweiflungskapitalismus«. Warum?

Hurst: Hat man keine Aussicht, sein Leben auf ein solides Fundament zu stellen, geht man unvernünftige Risiken ein. Ein Großteil der Millennialgeneration und der nachfolgenden Jahrgänge hat keine Chance, aus eigener Arbeitskraft ein Eigenheim zu erwerben . Das ist ein wichtiger Unterschied zu den Vorgängergenerationen. Trotz guter Ausbildung stecken viele von uns in prekären Jobs fest. Jetzt zerstört die künstliche Intelligenz auch noch die Einsteigerjobs.

SPIEGEL: Und deswegen müssen Sie waghalsige Geschäfte machen?

Hurst: Perspektivlosigkeit befördert Kurzfristdenken. Und Onlinewetten versprechen schnellen Gewinn – egal ob Sie auf Aktien setzen, auf Kryptowährungen, Sportwetten oder auf die Prognoseplattform Polymarket. Dort können Sie auf alles setzen, auch auf den Irankrieg. Das ist das Absurde meiner Generation: Im Risiko suchen wir Stabilität.

SPIEGEL: Sie glauben, dass die Millennials betrogen werden?

Hurst: Wir haben an das Narrativ der Älteren geglaubt: Traue den Spielregeln, lerne was, sei fleißig, dann wirst du belohnt. Jetzt sind wir in den Dreißigern und stellen fest, dass die Regeln nicht mehr gelten. Die Jüngeren aus der Generation Alpha können nicht enttäuscht werden. Sie sind von vornherein zynisch. Sie sind damit aufgewachsen, dass wirklich alles im Leben ein Geschäft ist.

»Die einen wählen Rechtspopulisten. Die anderen verlieren sich in Onlinewetten.«

Alexander Hurst

SPIEGEL: Nun ist Paris eine ziemlich teure Stadt, gerade für einen jungen Autor.

Hurst: Ich gebe zu, ich habe Ansprüche. Meine Eltern hatten wenig Geld, aber sie haben alles gegeben, damit ich gute Bildung erhalte. Ich dachte, davon könnte ich gut leben. Wie ohnmächtig fühlen sich erst jene, die weniger privilegiert sind als ich? Seit den Zehnerjahren schließt die Wirtschaft viele Menschen nicht mehr ein. Die einen wählen Rechtspopulisten. Die anderen verlieren sich in Onlinewetten.

SPIEGEL: Welche Rolle spielte bei Ihrem Wunsch nach Reichtum die allgegenwärtige Angeberei in den Netzwerken? Der zur Schau gestellte Erfolg auf Instagram oder LinkedIn?

Hurst: Social Media ist ein Guckloch ins Leben der anderen, auch wenn es sorgsam inszeniert ist. Das ist eine Neidmaschine: Der andere hat mehr Erfolg, der andere macht schon wieder einen schönen Urlaub. Studien zeigen, dass die sozialen Medien bei Jugendlichen körperdysmorphe Störungen fördern, also die Fixierung auf angebliche Schönheitsfehler. Ich denke, es gibt auch so etwas wie finanzdysmorphe Störungen.

Problemgruppe »junger Mann«?

SPIEGEL: Es sind vor allem junge Männer wie Sie, die auf Reddit ihre Börsenerfolge feiern und Misserfolge beweinen. Ist dies letztlich ein Symptom der gesellschaftlichen Problemgruppe »junger Mann«?

Hurst: Wir sind keine Problemgruppe. Viele junge Männer erleben eine Einsamkeitskrise, das ist belegt. Sie bauen keine echten Freundschaften auf, wie Frauen es tun. Das liegt nicht nur an der Sozialisation der Männer, sondern auch an ihren Entscheidungen. In Finanzforen suchen sie Bestätigung. Prahlerei mit Portfoliogewinnen, Selbstironie bei Verlusten, der Spott der anderen, das alles gehört dazu. Es geht nicht nur um Geld. Hier äußert sich ein Wunsch nach Anerkennung.

SPIEGEL: Dieses Kräftemessen klingt nach klassischen männlichen Verhaltensmustern.

Hurst: Es wäre sicher besser, sie im Sportverein auszuleben. Anonyme Onlineforen sind eben nicht wirklich eine Gemeinschaft von Menschen, die für dich da sind, wenn du sie brauchst. Dafür spült der Algorithmus mutmaßliche Betrüger wie den Influencer Andrew Tate auf deinen Schirm, der aus der Einsamkeit junger Männer Kapital schlägt und ihnen sagt, sie müssten Frauen abwertend behandeln, um Respekt zu erfahren.

»Meine Gedanken waren beim Markt, nicht bei der Frau, die vor mir saß.«

Alexander Hurst

SPIEGEL: Während Ihrer Zeit als Smartphone-Trader war auch Ihr Verhältnis zu Frauen beeinträchtigt, die Sie kennenlernten.

Hurst: Ich war ständig abgelenkt. Dauernd checkte ich mein Portfolio. Meine Gedanken waren beim Markt, nicht bei der Frau, die vor mir saß. Wo tut sich die nächste Anlagechance auf? Wie viel kann ich nächste Woche verdienen? Trading war wichtiger als Dating. Die Frauen haben schnell die Konsequenzen gezogen.

800 Dollar für Champagner im Flugzeug

SPIEGEL: Ein klein wenig haben Sie Ihren kurzen Reichtum ausgekostet: Sie sind für ein 24-Stunden-Date spontan nach Lissabon geflogen oder haben für einen anderen Flug 800 Dollar Aufpreis bezahlt, um sich an Bord mit Champagner zu betrinken.

Hurst: Hätte ich mal lieber direkt für 800 Dollar Champagner gekauft, ich hätte viel mehr davon gehabt! Und natürlich ist es etwas frivol, für ein paar Stunden nach Lissabon zu fliegen, um eine Frau zu treffen. Aber es ist romantisch-frivol. Es hätte die Liebe meines Lebens sein können!

SPIEGEL: Wie sieht es heute aus, wenn Sie sich etwas gönnen? Wie leben Sie?

Hurst: Große Sprünge mache ich nicht. Ich wohne immer noch in einer WG. Zum Glück habe ich die Wohnung am Wochenende für mich. Neulich habe ich mir auch etwas gegönnt: teure Ohrstöpsel, mit denen ich Musik in super Klangqualität höre. Ich brauche das zum Schreiben.

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SPIEGEL: Kein Geld zu haben, erzeugt Ängste. Geld zu besitzen aber auch, schreiben Sie. Welche Angst ist schlimmer?

Hurst: Das ist kein Vergleich. Die Ängste des Geldbesitzers sind Ängste vor dem Verlieren und dem Verpassen. Reine Kopfsache. Echte Finanznot ist keine Einbildung, sondern existenzbedrohend. Das ändert nichts daran, dass dich auch die Verlustangst fertigmacht.

SPIEGEL: Sie haben im Wortsinn einen Crashkurs als Trader hinter sich. Überlegen Sie manchmal, einen neuen Einsatz zu wagen – um es besser zu machen?

Hurst: Manchmal bin ich versucht, das gebe ich zu, weil ich meiner Million nachtrauere. Aber ich würde am gleichen Punkt starten wie beim letzten Mal, bei null. Um reich zu werden, müsste ich erneut unverantwortliche Risiken eingehen. Und eines weiß ich sicher: Ich will nicht zurück in den Teufelskreis, in dem Geld mein ganzes Denken und Fühlen beherrscht.

SPIEGEL: Herr Hurst, vielen Dank für dieses Gespräch.