SpOn 21.11.2025
17:02 Uhr

Album der Woche mit Oneohtrix Point Never: Feierabendblues für die Künstliche Intelligenz - Abgehört-Kolumne


Dieser »Tranquilizer« ist ein Antidepressivum: Aus alten Gebrauchsmusik-Samples halluziniert Avantgardemusiker Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never eines der betörendsten Elektronikalben des Jahres.

Album der Woche mit Oneohtrix Point Never: Feierabendblues für die Künstliche Intelligenz - Abgehört-Kolumne

Album der Woche:

Oneohtrix Point Never – »Tranquilizer«

Leute haben ja die komischsten Hobbys. Daniel Lopatin zum Beispiel sammelt CDs und digitale Archive mit alten Samples und Jingles. Musik also, die immer nur in der Peripherie unserer Wahrnehmung existiert, Marginalien des Sounds sozusagen.

Was man aus diesen zumeist synthetisch hergestellten Gebrauchsklängen erschaffen kann, zeigte der aus Boston stammende Elektronik- und Avantgarde-Musiker bereits 2011. »Replica«, das erste im Studio aufgenommene Album unter Lopatins Projektnamen Oneohtrix Point Never bestand aus fantasievoll und rhythmisch neu arrangierter und zusammengepuzzelter Musik und Sounds von TV-Werbespots aus den Achtziger- und Neunzigerjahren. Es bescherte ihm den internationalen Durchbruch.

Inzwischen ist Daniel Lopatin einer der gefragtesten und renommiertesten Musiker in diesem immer etwas fluiden Genre der modernen Ambient- und Elektro-Avantgarde. Er arbeitete mit Pop-Künstlern und -künstlerinnen wie The Weeknd, FKA twigs, Charli XCX und James Blake zusammen, deren Musik er teilweise auch produzierte.

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Arthouse-Regisseure wie die Safdie-Brüder, deren Filme einen gewissen Edge haben, schätzen Lopatins Soundtrack-Arbeiten. Zuletzt komponierte er die Musik für Josh Safdies Ping-Pong-Burleske »Marty Supreme« mit Timothée Chalamet, der mit der Rolle eines verkrachten Tischtennis-Genies erneut als Oscarkandidat gilt.

Auf seinen eigenen Alben wurde Lopatin zuletzt etwas kopflastig und schuf elaborierte Überauten und Narrative für seine Beschäftigung mit der eigenen Adoleszenz. Von der Kritik gelobte Alben wie »Garden of Delete«, »Age of« und zuletzt »Again« spielten mit Rock-Genres wie Postrock, Shoegaze und Grunge, dem Soundtrack der Jugend Lopatins und versuchten Verbindungen zwischen den musikalischen und biografischen Sphären herzustellen.

Klingt sperriger, als es sich am Ende anhörte, denn Lopatin, optisch eine etwas zerknautschte Version von Jeremy Allen White, hat nicht nur ein weit reichendes musikalisches Vorstellungsvermögen, sondern vor allem auch viel Humor. Für ein Trailer-Video zu »Again«  lief er 2023 durch die Straßen von New York und bat Passanten, seinen phonetisch anspruchsvollen Bandnamen auszusprechen (One-oh-Trix) – ein großer, selbstironischer Spaß. Im Zweifel sagt man einfach abkürzend OPN.

Viel Vergnügen bereitet nun auch sein zehntes Album »Tranquilizer«, das weitaus weniger einschläfernd wirkt, als der Titel vermuten ließe. Im Gegenteil: Es ist eines der betörendsten und beglückendsten Elektronik-Alben des Jahres.

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Analog zu »Replica« bediente sich Lopatin erneut bei einem Klang-Archiv, um seine Musik zu gestalten. Diesmal war es ganz offensichtlich ein Fundus an Sounds aus den späten Neunziger- und frühen Nullerjahren, die für die Wellness-, Spa- oder Yoga-Bedudelung gedacht waren: Es dominieren synthetisches Tempel-Gebimmel, Plastik-Meeresrauschen, allerlei esoterisches Wolken und Lichtern.

Lopatin hatte das in den Tiefen des Internets eingelagerte Archiv schon länger im Blick, um es für ein Album zu verwerten, doch dann war es zwischenzeitlich auf einmal verschwunden. »Tranquilizer« handelt also auch davon, wie Dinge im vermeintlich endlosen und ewig vollständigen Aktenschrank des World Wide Web dann doch manchmal verschüttgehen. Zumal wenn es ungeliebte, rein funktionale Sachen sind wie Fahrstuhlmusik und Chill-out-Beschallung aus dem Rechner-Fließband.

Was die gemeine Browser-KI kann, beherrscht Klang-Alchemist Lopatin also schon lange und vermutlich auch (noch) virtuoser: Aus den obskursten Winkeln und Schubladen und Digitalströmen der Tiefe industrieller Massenware komponiert und halluziniert er einen manchmal erhellenden, oft frei erfundenen Sinnzusammenhang. Der Künstler agiert dabei wie ein Kurator oder Archäologe, der in vielleicht gar nicht so ferner Zukunft auf diese Überflussreste einer untergehenden Kultur stößt und sie für Artefakte großer, erhabener Kunst hält.

So entsteht Ambient-Musik, die sich eben nicht mehr ins Ambiente verflüchtigt, sondern durch geschicktes Sampling und suggestive, irritierende Loops in den Vordergrund der Wahrnehmung drängt oder, ganz zum Schluss, im perligen »Waterfalls« , sogar Pop-Anmutung bekommt.

»Bumpy« etwa wirkt sprudelnd, glitzernd und immer wieder unterduckernd verdumpft wie eine Wildwasserbahnfahrt durch das Innere eines gefluteten Flipperautomats. Durch »Modern Lust« irrlichtern nicht etwa Porno-Soundtracks, das wäre zu billig, stattdessen fühlt man sich an frühe, mit viel Synthie-Geflöt zu Pathos aufgeblasene Kinomusik von Soundtrack-Fabrikant Hans Zimmer erinnert, etwa »Black Rain« von 1989.

Lustig ist auch »Rodl Glide«, das mit trägen, tausendmal gefilterten Funk-Gitarren und verschleppten, knisternden Vintage-Beats einen bedröhnt schunkelnden, elektronischen Yacht-Rock erzeugt. Bis dann in der zweiten Hälfte plötzlich klirrend und kaskadierend der Außenbordmotor angeworfen wird und es mit Highspeed über eine digitale Schlittenabfahrt geht. Hui!

In »Cherry Blue«, dem zentralen Stück des Albums, wird das weiße Noise-Rauschen der für Lopatin einflussreichen Cocteau Twins mit viel artifiziellem Saxofon und besinnlicher Noir-Stimmung zu einer Art Science-Fiction-Blues amalgamiert: Musik für die künstliche Intelligenz, wenn sie nach Feierabend an der Bar rumhängt und sich mit melancholischem Amüsement den großen Sinnfragen des Lebens stellt. (8.5/10)

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Wertung: Von »0« (absolutes Desaster) bis »10« (absoluter Klassiker)