Nicht sein Haus: Marco Odermatt ist die Überfigur im alpinen Skirennsport. Olympiasieger, Weltmeister – in Adelboden oder Wengen holt er Siege ohne Ende, brüllt danach gern: »This is my house«. Der Gesamtweltcup wird ihm praktisch schon vor der Saison zugeschrieben. Nur einen Makel hat die Karriere des 28-jährigen Schweizers noch: Ihm fehlt der Abfahrtssieg in Kitzbühel, der für viele Profis mehr wert ist als Olympiagold. Vor zwei Jahren war er knapp dran, aber dann schnappte ihm Cyprien Sarrazin den Sieg weg. Im Vorjahr war Odermatt dann etwas von der Rolle. Und nun? Ihm gelang eine fast fehlerfreie Fahrt – zum Sieg reichte es dennoch nicht, weil einer um die Winzigkeit von sieben Hundertstelsekunden schneller war.
Tief enttäuscht: Marco Odermatt
Foto: Barbara Gindl / AFPErgebnis: Und zwar Giovanni Franzoni. Der erst 24 Jahre alte Italiener siegte vor Odermatt und Maxence Muzaton aus Frankreich.
Der Mann vom Gardasee: Giovanni wer? Das werden sich vor dieser Saison noch viele Skifans gefragt haben. Der Mann aus Manerba del Garda holte zwar dreimal Gold bei Junioren-Weltmeisterschaften, bei den Großen spielte er aber lange keine große Rolle. Das änderte sich erst vor Kurzem: In Gröden wurde er im Super-G im Dezember Dritter, in der Vorwoche holte er den Sieg beim Super-G in Wengen und raste tags darauf auf Platz drei in der Abfahrt. In Kitzbühel gewann er jetzt beide Trainings – und nun auch das Rennen. Da hat sich einer festgefahren im Kreis der Besten.
Kompromisslos: Franzoni wird von Beobachtern aufgrund seiner Fahrweise mit Cyprien Sarrazin verglichen. Jenem grandiosen Abfahrer, der immer mehr riskierte als die anderen und im Dezember 2024 so schwer stürzte. Franzoni fährt ähnlich kompromisslos: Nach einem etwas verhaltenen Start drehte er im Steilhang und in der Traverse voll auf, hielt seine Ski auf Linie, als bei den Konkurrenten die Oberschenkel brannten. Vollkommen furchtlos stürzte er sich in den Zielhang. Dieses Mindset, gepaart mit einem herausragenden Skigefühl, macht ihn zwangsläufig zu einem Mitfavoriten bei den Olympischen Spielen in seiner Heimat Italien, die in wenigen Tagen beginnen.
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Er fährt nicht nur für sich: Die beste Saison des Giovanni Franzoni ist auch seine emotionalste. Im Herbst stürzte Franzonis Teamkollege Matteo Franzoso beim Training in Chile schwer. Er schlitterte durch zwei Netze und schlug mit dem Kopf gegen einen Zaun. Franzoso erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma und starb im Krankenhaus am 15. September, einen Tag vor seinem 26. Geburtstag. Franzoni und Franzoso kannten sich seit Kindertagen, fuhren miteinander und gegeneinander, wurden Freunde, teilten sich auf Weltcupreisen ein Zimmer – auch noch im vergangenen Jahr in Kitzbühel.
Matteo im Kopf: »Ich zittere. Es war ein besonderes Rennen, schon beim Start hatte ich Matteo im Kopf«, sagte Franzoni nach dem Sieg bei Eurosport. Im Zielraum reckte er einen Finger gen Himmel. Die Tragödie lässt ihn nicht kalt, natürlich nicht. »Ich denke jeden Tag an Matteo. Für den Rest meines Lebens werde ich für ihn Ski fahren. Diese Tragödie gibt mir auch die nötige Kraft in dieser Saison«, sagte er vor einigen Tagen nach seinem Sieg in Wengen.
Quo vadis, Österreich?: In Anbetracht eines solchen Dramas rücken sportliche Talfahrten zu Recht in den Hintergrund. Trotzdem muss man festhalten: So schlecht war das österreichische Team bei einer Streif-Abfahrt noch nie. Dementsprechend groß ist der Jammer bei Rot-Weiß-Rot – der beste Österreicher landete mit Vincent Kriechmayr auf Platz 13! Und nun bitte festhalten: damit war sogar das krisengebeutelte deutsche Team besser unterwegs.
Auf einmal vorn: Die Entscheidungen schienen gefallen zu sein, da machte sich Luis Vogt auf den Weg. Der baumlange Garmischer kommt in dieser Saison überhaupt nicht zurecht, wurde nicht für die Olympischen Spiele nominiert. Auf der Hahnenkamm-Abfahrt zeigte er mit der hohen Nummer 40, dass er mithalten kann mit den Besten der Welt. Zeitweise war er sogar auf Podestkurs, am Ende schüttelte es ihn etwas durch, aber er schloss das Rennen auf Rang acht ab. »Saugeil«, sagte er nach seinem besten Ergebnis.
Luis Vogt im Ziel
Foto: Barbara Gindl / AFPOlympyJA?: Mit Rang acht hat Vogt nun die nationale Olympianorm geknackt (einmal unter die Top Acht oder zweimal unter die Top 15). Nominiert wurde er aber nicht und eigentlich ist die Frist verstrichen, wenngleich ja noch einige Rennen ausstehen. Das könnte für Diskussionen sorgen, zumal mit Anton Grammel ein Sportler dabei ist, der bislang nur die halbe Norm erfüllt hat. Man wird sich nun beim Deutschen Skiverband und beim Deutschen Olympischen Sportbund beraten, ob und, wenn ja, wie dieses Dilemma zu lösen wäre.
Kloppo und der Terminator: Weil Kitzbühel eben Kitzbühel ist, war auch wieder einiges an Prominenz da. Der unvermeidliche Arnold Schwarzenegger mit weißem Bart schwärmte von den »besten Weißwürsten« und hielt eine etwas wirre, aber auch lokalpatriotische Rede. Der weißbemützte DJ Ötzi saß hinter Zlatan Ibrahimović, der mal wieder betonte, er wolle bald selbst mal mitfahren. Und Jürgen Klopp zeigte das weißeste Lächeln Tirols: Als Red-Bull-Mann darf er beim massiv von Red Bull gesponserten Spektakel nicht fehlen.
Jürgen Klopp auf der Weißwurstparty am Tag vor der Hahnenkamm-Abfahrt
Foto: Hans Klaus Techt / APA / dpaSo geht es weiter: Am Sonntag schließen die Slalom-Asse auf dem Ganslernhang das Kitzbühel-Spektakel ab. Die deutschen Chancen auf einen Sieg sind eher gering, auch wenn Linus Straßer tapfer daran glaubt, bald wieder in Form zu sein.
