SPIEGEL: Frau Zimmer, starten wir mit einem alltäglichen Beispiel. Ein sechsjähriger Junge spielt gegen seinen Vater Tischtennis. Er hält lange gut mit, doch dann macht der Vater Ernst und der Junge verliert das Spiel durch einen Schmetterball. Der Vater ballt die Siegerfaust, der Junge wirft wütend den Schläger, rennt weg und ruft: »Das ist unfair!« Was sollte der Vater seinem Sohn sagen?
Zimmer: Der Vater sollte dem Kind signalisieren, dass es recht hat: Es war ein unfaires Match, weil der Vater wahrscheinlich größere Tischtenniserfahrung und Kraft hat. Und dann sollte er ihm sagen, dass er sich großartig geschlagen hat und das Verlieren gegen einen stärkeren Gegner kein Beinbruch ist. Eigentlich hat der Junge ja eine Menge erreicht, weil er so lange gegen seinen Vater durchgehalten hat.
SPIEGEL: Was passiert in der Gefühlswelt von Kindern, wenn sie Niederlagen im Sport erfahren?
Zimmer: Es kommt darauf an, wie die Niederlage interpretiert wird. Wenn das Kind denkt, dass es ja immer der Schwächere sein wird, führt das zu einem Knacks im Selbstbewusstsein. Wenn das Kind aber den Wettbewerbsgedanken für sich annimmt, kann Motivation entstehen: Es will besser werden, also trainiert es mehr. Wichtig ist, dass das Kind nicht ausschließlich Niederlagen erfährt, sonst wendet es sich irgendwann von Wettbewerben ab.
SPIEGEL: In welchem Alter entwickeln Kinder ein Gefühl für Niederlagen und Siege?
Zimmer: Das ist zu einem gewissen Teil schon immer in uns angelegt. Wir wollen als Kleinkind schnell laufen, die Eltern fangen. Und wir sind traurig, wenn wir das nicht schaffen. Diese Spielchen erleben Kinder ganz früh in der Familie. Die Eltern müssen das also von Anfang an begleiten.

