Kaum ein anderes Land Europas hat einen so hohen Ausländeranteil wie die Schweiz. Rund 27 Prozent der Bevölkerung besitzen keinen Schweizer Pass, vier von zehn Einwohnern haben einen Migrationshintergrund. Gleichzeitig wächst das Land wegen des wirtschaftlichen Erfolgs: Im Jahr 2023 lag die Nettozuwanderung bei fast 100.000 Menschen. Viele Schweizer geben an, das längst im Alltag zu spüren – etwa in steigenden Mieten, überfüllten Zügen oder morgendlichen Staus auf den Autobahnen.
In der Schweiz gibt es dafür sogar ein eigenes Wort: »Dichtestress«.
Genau dieses Gefühl versucht die rechtskonservative Schweizerische Volkspartei SVP nun politisch zu nutzen. Am 14. Juni stimmt die Schweiz über die sogenannte Nachhaltigkeitsinitiative ab. Hinter dem grün angefärbten Begriff steckt ein radikaler Plan: Die ständige Wohnbevölkerung soll in der Schweiz bis zum Jahr 2050 auf zehn Millionen Menschen begrenzt werden (aktuell 9,05 Millionen Einwohner). Wenn die Marke von 9,5 Millionen zuvor überschritten wird, soll die Regierung innerhalb weniger Jahre Maßnahmen zur Begrenzung der Zuwanderung ergreifen müssen – wie etwa die Begrenzung des Familiennachzugs. Notfalls soll auch die Kündigung internationaler Abkommen oder der Personenfreizügigkeit mit der Europäischen Union möglich sein.
Fast die Hälfte aller Ärzte aus dem Ausland
Anders als bei früheren Abstimmungen zur Migrationspolitik, welche die SVP gegen den Widerstand aller anderen Parteien auch schon gewonnen hat, geht es diesmal nicht nur um das Feindbild von Asylsuchenden. Denn der mit Abstand häufigste Einwanderungsgrund in die Schweiz ist gemäß dem Staatssekretariat für Migration eine neue Arbeitsstelle. Im Zentrum der Debatte stehen deshalb vor allem gut ausgebildete Arbeitskräfte aus der Europäischen Union, die den größten Teil der Nettozuwanderung ausmachen. Die größte Gruppe von Einwanderern stammte vergangenes Jahr mit 16 Prozent aus Deutschland. Dahinter folgten mit zwölf Prozent Franzosen und mit elf Prozent Italiener.
Die Gegner der SVP-Initiative betonen, dass die Schweizer Wirtschaft diese Fachkräfte brauche. Viele Branchen suchen händeringend nach neuen Arbeitskräften, in manchen Wirtschaftsteilen ist die Lage sogar so prekär, dass sie ohne Ausländer nicht mehr funktionieren würden. Im Schweizer Gesundheitswesen haben beispielsweise mehr als vier von zehn Ärzten ihre Ausbildung im Ausland absolviert . Weil die Schweizer Universitäten viel zu wenig neue Ärzte ausbilden, stammten vergangenes Jahr auch rund 70 Prozent der neu anerkannten Arztdiplome aus dem Ausland.
