SpOn 17.05.2026
10:43 Uhr

(+) Nationalsozialismus: Was meine Mutter über ihre NS-Vergangenheit verschwieg


Als Wissenschaftler habe ich oft unbequeme Wahrheiten aufgedeckt. Bei meiner eigenen Familie habe ich lange gezögert. Über meine Mutter, das Phänomen der »willentlichen Unwissenheit« und Onkel Hans, General der Waffen-SS.

(+) Nationalsozialismus: Was meine Mutter über ihre NS-Vergangenheit verschwieg

Ich habe mich schon vor langer Zeit von Deutschland entfernt, nicht nur geografisch, sondern auch innerlich. Ich lebe seit Jahrzehnten in England, meine große Liebe ist Französin, die meisten meiner Bücher schreibe ich in englischer Sprache. Erst der Brexit veranlasste mich, meine deutsche Staatsbürgerschaft wieder zu beantragen.

Und dann fiel mir das Memoire meiner Mutter wieder in die Hände.

Sie hatte es uns Kindern vor ihrem Tod 1989 hinterlassen – ein schmales Heft, im Selbstdruck, ein paar Dutzend Seiten. Nach mehr als drei Jahrzehnten las ich es erneut. Was ich darin fand, hat den Blick auf meine Mutter, auf meine Familie und auf das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte verändert. Nach langem Zögern und ausgiebigen Recherchen habe ich mich schließlich entschlossen, ein Buch darüber zu schreiben.

Warum bin ich diesem Projekt zunächst ausgewichen? Vielleicht, weil es mich zwingt, persönliche Erinnerungen mit historischen Abgründen zu verknüpfen, vielleicht auch, weil es Fragen aufwirft, auf die es keine einfachen Antworten gibt.

Meine Mutter, Erika Grete Liselotte Tillwichs, wurde 1911 in Schlesien geboren und wuchs in Breslau auf. Ihr Vater Hugo war Schuldirektor, Pazifist und stand dem NS-Regime von Anfang an kritisch gegenüber. So erzog er auch seine Tochter.

Und doch kam es anders. Da waren ihre zwei Onkel, Hans und Erich, die Brüder ihrer Mutter, die sie ganz entschieden in eine andere Richtung drängten. Hitlers Ideen und Tatkraft würden Deutschland wieder zu einer mächtigen Nation machen, hatten sie ihr eingetrichtert. Sie ließ sich überzeugen – zumindest für eine Weile.

Sie heiratete Wolfgang Ernst, einen Arzt, der der NSDAP beigetreten war und im Kurort Bad Reinerz in Niederschlesien (heute Duszniki-Zdrój) ein Sanatorium betrieb. Gemeinsam bauten sie eine Existenz auf. Als Wolfgang zu Kriegsbeginn eingezogen wurde, führte meine Mutter das Sanatorium allein, es wurde später vom NS-Regime zum Lazarett umfunktioniert. 1941 kam meine Schwester Elga zur Welt, 1944 mein Bruder Endrik. Ich selbst wurde erst 1948 in Wiesbaden geboren.

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