SPIEGEL: Herr Professor Falter, haben Sie in den vor Kurzem digitalisierten NSDAP-Mitgliedskarteien nach Ihren Familienmitgliedern geschaut?
Falter: Ich habe natürlich auch einige Namen eingegeben, vieles wusste ich aber schon. Als Wissenschaftler durfte ich bereits in den Neunzigern in den originalen Papier-Karteien im Berlin Document Center forschen und Stichproben nehmen. Natürlich habe ich auch bei den Falters nachgeschaut.
SPIEGEL: Und was haben Sie gefunden?
Falter: Ich entdecke einen Willi Falter aus Darmstadt. Ein Bruder meines Vaters. In der Familie wusste niemand von seinem Parteieintritt. Sein Vater, mein Großvater, stand politisch dem katholischen Zentrum nahe; er hätte nach Aussage meines Vaters den Sohn wohl aus dem Haus geworfen, wenn er es gewusst hätte. Aber die Kartei bewies die Mitgliedschaft eindeutig. Onkel Willi hatte es verschwiegen.
Thomas Hartmann
Jürgen W. Falter, Jahrgang 1943, ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Der Wahlforscher gilt als einer der renommiertesten Experten für die Geschichte der NSDAP. Für sein Standardwerk »Hitlers Parteigenossen« wertete er mit seinem Team in Stichproben mehr als 50.000 Mitgliedskarten aus.
SPIEGEL: Was bewog ihn, als so junger Mann in die Partei einzutreten?
Falter: Er ist an seinem achtzehnten Geburtstag eingetreten, kurz vor dem Abitur. Er wollte Gymnasiallehrer werden, da hätte ihm eine Mitgliedschaft geholfen, Beamter zu werden. Vielleicht stand er aber auch unter dem Einfluss seiner Mitschüler oder handelte aus Überzeugung. Wir können ihn nicht mehr fragen, er starb im Dezember 1944 als Soldat in Italien. Aber mich hätte sehr interessiert, was ihn motivierte.
