SPIEGEL: Herr von Wrochem, seit 2009 geben Sie in der KZ Gedenkstätte Neuengamme Rechercheseminare für Nachfahren von NS-Tätern und Täterinnen. Wie kam es zu dieser Idee?
Wrochem: Die Wehrmachtausstellung, die ab 1995 die Verbrechen einfacher Soldaten thematisierte, hat uns inspiriert. Zudem gehörte das inhaltlich immer schon zu unserer Arbeit: Das KZ Neuengamme war nicht nur ein Ort des unvorstellbaren Leidens, sondern auch der Täterschaft. Wir haben als erste Gedenkstätte so ein Programm aufgesetzt. Seitdem haben wir mehr als 1500 Seminarteilnehmer begleitet. Anfangs kamen viele Kinder von NS-Tätern, inzwischen sind es meist Enkel oder Urenkel.
SPIEGEL: Gehen die Generationen unterschiedlich mit der Täterschaft in der Familie um?
Wrochem: Wer den geliebten Vater oder Opa, die liebevolle Mutter oder Oma, noch persönlich kennengelernt hat, für den ist das oft schwieriger. Es gibt aber auch das Phänomen der radikalen Distanzierung von den Eltern, das in der 68er-Generation aufkam. Niklas Frank etwa hat das gemacht, der Sohn von Hans Frank, der als Generalgouverneur in den besetzten Gebieten Polens wütete.
