SpOn 13.05.2026
10:03 Uhr

(+) Missbrauch im Segelclub: Wann werden pädophile Menschen tatsächlich zu Tätern?


Jahrelang missbrauchte ein Trainer eines Hamburger Segelclubs Jungen in seiner Obhut. Der Sexualmediziner Klaus M. Beier erklärt, wie Täter ihre Opfer auswählen. Und welche Hilfsangebote es für Menschen mit pädophilen Neigungen gibt.

(+) Missbrauch im Segelclub: Wann werden pädophile Menschen tatsächlich zu Tätern?

SPIEGEL: Herr Beier, wir berichten über einen Segeltrainer aus Hamburg . Er hat jahrelang vorpubertäre Jungen missbraucht. Wie viele Menschen mit einer pädophilen Sexualpräferenz werden tatsächlich straffällig?

Beier: Das ist nicht seriös zu beziffern. Weil wir hier zwei grundsätzlich verschiedene Gruppen betrachten müssen: aus dem Hellfeld und aus dem Dunkelfeld. Im Hellfeld stehen diejenigen, die straffällig geworden und justizbekannt sind. Im Dunkelfeld bewegen sich jene Menschen, die vermeiden wollen, straffällig zu werden. Das meiste passiert im Dunkelfeld und wird Strafverfolgungsbehörden nicht bekannt. Diese Menschen versuchen wir präventiv zu erreichen – mit unserem Beratungsangebot »Kein Täter werden«.

SPIEGEL: Es heißt, bei rund einem Prozent der männlichen Bevölkerung, etwa 350.000 Menschen, besteht eine pädophile oder hebephile Sexualpräferenz, diese Menschen fühlen sich also zu Kindern oder Jugendlichen hingezogen. Das klingt nach einer großen Zahl. Aber nicht alle aus dieser Gruppe werden automatisch zu Tätern?

Beier: Richtig. Die Annahme, dass jemand mit einer pädophilen Neigung zwangsläufig übergriffig wird, ist falsch. Ein erheblicher Teil sexueller Straftaten wird nicht von Menschen mit pädophiler Sexualpräferenz begangen, sondern von Menschen, die situativ handeln, aus einer Gelegenheit heraus, oder weil ganz andere Störungsbilder vorliegen.

SPIEGEL: Der Segeltrainer wusste um seine pädophile Sexualpräferenz mit Ausrichtung auf Jungen, aber er suchte keine therapeutische Hilfe. Erleben Sie das häufig?

Beier: Über diejenigen, die sich nicht melden, wissen wir nichts. Wir wissen aber, dass viele Betroffene große Hemmungen haben, sich zu melden, weil sie fürchten, stigmatisiert zu werden . Sie haben das gesellschaftliche Bild vom »abnormen Monster« verinnerlicht, selbst wenn sie nie übergriffig waren. Das erzeugt Scham, Selbsthass, Geheimhaltung und soziale Isolation. Aber wer sich isoliert, lernt nicht, mit seiner Neigung umzugehen.

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