Anahita Noori sagt, sie fühle sich, als würde sie langsam ersticken. Die junge Frau gestaltete digitale Benutzeroberflächen für ein Techunternehmen in Teheran. Vor zwei Monaten rief sie ihr Chef zu sich ins Büro: »Es tut mir leid, Ihre Stelle wurde gestrichen. Wir haben kein Geld mehr«, sagte er.
Nooris Hände, so erinnert sie sich, fingen an zu zittern, dann packte sie ihre Sachen in einen Karton: Laptop, ihre Tasse, ein Familienfoto. Einige Kollegen, die zuschauten, weinten, erzählt sie dem SPIEGEL. Ein Kollege versuchte, einen Witz zu machen, doch seine Stimme brach. »Als ich rausging, war Teherans Himmel grau, der Verkehr wie immer – aber für mich war die Welt zusammengebrochen.« Zu Hause starrte sie stundenlang auf die Wand.
Geschichten wie die von Noori, deren Name hier aus Sicherheitsgründen geändert wurde, gehören in Iran inzwischen zum Alltag. Nach Schätzungen der Regierung hat der Krieg gegen die USA und Israel allein mindestens eine Million Arbeitsplätze gekostet. Am 25. April registrierte eine iranische Jobplattform an einem einzigen Tag 318.000 neue Bewerbungen – ein Rekord, 50 Prozent über dem bisherigen Höchstwert.
Inflation auf einem Allzeithoch
Die iranische Wirtschaft war schon vor dem Krieg stark angeschlagen: Jahrzehntelange Sanktionen, massive Korruption und Misswirtschaft haben die Kaufkraft der Iranerinnen und Iraner stetig schrumpfen lassen. Doch der fünfwöchige Krieg der USA und Israels und die kurz nach dem Waffenstillstand verhängte US-Seeblockade setzen der Wirtschaft des Landes nun noch weiter zu.
Die Inflation liegt auf einem Allzeithoch von rund 60 Prozent. Noori berichtet: »Ein Kilo Fleisch kostet jetzt zwei Millionen Toman, das sind mehr als 20 Euro, eine Einliterflasche Speiseöl 220.000 Toman. Gehälter, die früher gerade so reichten, reichen heute nicht einmal mehr eine Woche.« Manche Iranerinnen und Iraner bringen inzwischen wohl Speiseöl aus der Türkei über die Grenze. Viele Staatsangestellte haben seit mindestens zwei Monaten ihre Löhne nicht voll ausgezahlt bekommen.
»Unternehmen schließen eines nach dem anderen oder schicken ihre Mitarbeiter nach Hause. Du fühlst dich, als würdest du in einem Sumpf versinken«, erzählt Noori.
Die wirtschaftliche Verzweiflung hat sich in Iran in den vergangenen Jahren immer wieder in Protesten entladen. Zuletzt bei landesweiten Demonstrationen, die im vergangenen Dezember mit dem Absturz der Währung begannen. Zwar schlug das Regime die Proteste mit brutalster Härte nieder, Tausende Menschen kamen dabei ums Leben. Doch die Probleme, die die Menschen auf die Straße trieben, sind nicht nur geblieben, sie sind schlimmer geworden.
