Dieser Text erschien zuerst in SPIEGEL Geschichte 4/2024. Albrecht Weinberg ist nun im Alter von 101 Jahren gestorben. Zu seinem Tod haben wir dieses Porträt nun noch einmal veröffentlicht.
Der Friedhof
Es ist nicht lange her, da verschlug es dem Mann, der die Worte erst mit 87 Jahren gefunden hatte, noch einmal die Sprache. Albrecht Weinberg, ein freundlicher Herr von kleiner Statur, dessen Beine, wie er sagt, mittlerweile »aus Gummi sind«, doch der »Kopf noch ziemlich wach«, hatte an einem Februartag einen Anruf von einer Bekannten erhalten. In der Nacht hatten Unbekannte den jüdischen Friedhof von Leer geschändet. Vier schwere Grabsteine aus Granit hatten sie umgestoßen und ein paar Straßen weiter ein Hakenkreuz in den frischen Asphalt geritzt.
Der Friedhof befindet sich im Süden der ostfriesischen Stadt und umfasst knapp 1700 Quadratmeter. An seinen Rändern ist er mit einer Hecke aus Dornenbüschen begrenzt, am Eingang durch ein schweres Eisentor mit Davidstern gesichert. Der Friedhof existiert seit fast 400 Jahren, ein zeitloser Ort.
Deutschland und die USA
»Wir sollten uns an die Geschichte erinnern«, rief Barack Obama 2008 in Berlin, »und die Welt neu erschaffen.« Längst ist der Optimismus in den deutsch-amerikanischen Beziehungen der Angst vor Zerrüttung gewichen. Vor den US-Präsidentschaftswahlen erzählt die aktuelle Ausgabe von SPIEGEL Geschichte von Euphorie und Entfremdung, von kulturellen Importen und vergessenen Pionieren. Wir zeichnen nach, wie aus Feinden Freunde wurden – und was sich aus der Geschichte dieser langen Partnerschaft für die Zukunft ableiten lässt.
Es ist nicht mit einem Satz gesagt, was sich im Inneren von Weinberg mit der Schändung des Friedhofs in Bewegung setzte. Fest steht, dass er danach in eine Dunkelheit stürzte, die ihn mehrere Tage nicht mehr freigab. Nicht einmal für die Mahlzeiten wollte er das Zimmer verlassen.
