Bei seinen Schals bevorzugt Friedrich Merz gedeckte Töne: dunkelblau, braun, anthrazit. Einzig beim Stadionbesuch lässt der Bundeskanzler auch mal grellere Farben an seinen Hals – als früherer BVB-Aufsichtsrat am liebsten Schwarz-Gelb.
Seit diesem Dienstag nennt Merz nun auch einen Schal im leuchtenden rot-weißen Farbschema der SPD sein Eigen. »Zusammen ist unsere Stärke«, steht darauf. Der sozialdemokratische Fraktionschef Matthias Miersch hat sich dieses Motto überlegt; es soll die Überschrift der SPD-Politik in diesem Jahr sein. Miersch ist es auch, der dem Kanzler die Strickware am Dienstagnachmittag überreicht – am Ende einer gut 50-minütigen internen Aussprache zwischen Merz und den SPD-Abgeordneten.
Der Termin hatte bereits zum einjährigen Bestehen der Koalition vor zwei Wochen stattfinden sollen, war aber wegen der Neuwahl der Fraktionsführung von CDU und CSU verschoben worden (mehr dazu hier ). Zu besprechen haben Sozialdemokraten und Regierungschef genug: In den vergangenen Wochen hat sich auf beiden Seiten viel Frust aufgestaut. Merz hatte der SPD vorgeworfen, bei notwendigen Reformen auf der Bremse zu stehen; Äußerungen des Kanzlers zum Rentensystem führten bei den Genossinnen und Genossen zu Empörung (mehr dazu hier).
Merz’ Besuch in der Fraktionssitzung dient deshalb vor allem dazu, die Wogen zu glätten. Nichts kann die Koalition in dieser Lage weniger brauchen als einen neuen Eklat. Entsprechend ist der Kanzler vorbereitet, entsprechend sind die Abgeordneten instruiert. Solange Merz nicht von seinem Redetext abweiche, sei alles gut, witzelt ein Parlamentarier vorher.
Witze und Sticheleien im Wechsel
Bevor es hinter verschlossenen Türen losgeht, stellen sich der Kanzler und der SPD-Fraktionschef der Presse. Witze werden gemacht. Es sei ja selten, dass jemand links von ihm stehe, sagt der Parteilinke Miersch und zwinkert dem Kanzler über die entsprechende Schulter zu. Er stehe nicht nur links, er komme auch von dort, flachst Merz. Beide lachen. Dann wird es ernster.
