In der Vorschule Saint-Dominique im noblen siebten Arrondissement von Paris ist es wie in jeder französischen Schule: Über dem Eingang prangt groß der Leitspruch der Republik. Liberté, Égalité, Fraternité. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Eltern, die ihr Kind hier morgens abgeben, wissen es nicht nur betreut. Sie bekommen das Versprechen, dass dem Nachwuchs »die Werte der Republik und des Bürgers« vermittelt werden. So steht es auf der Website des französischen Bildungsministeriums.
Die Ansprüche an das staatliche Schulsystem sind in Frankreich hoch. Entsprechend tief erschüttert ein seit Monaten immer weiter eskalierender Skandal das Land. Es geht um Betreuer, die Kinder anschreien, schlagen, demütigen. Es geht um Fälle sexualisierter Gewalt bis hin zur Vergewaltigung, die nur schleppend aufgeklärt werden.
Allein in Paris wird aktuell in 84 »Écoles maternelles« (eine Art Kindergarten) und in 20 Grundschulen ermittelt. Laut der Pariser Staatsanwältin Laure Beccuau sind alle Pariser Arrondissements betroffen. Der neue Pariser Bürgermeister, der Sozialist Emmanuel Grégoire, teilte Anfang April mit, dass allein seit Jahresbeginn 78 Schülerbetreuer von der Arbeit suspendiert worden seien, 31 davon wegen des Verdachts sexueller Gewalt.
Anschreien, bedrohen, herabwürdigen
In der Rue Saint-Dominique, einen zehnminütigen Spaziergang vom Eiffelturm entfernt, stehen in dieser Woche die Kamerateams der Nachrichtensender. Am Mittwoch wurden 16 Personen festgenommen , die sich hier in der »École maternelle Saint-Dominique« um drei- bis sechsjährige Kinder kümmern. Beziehungsweise: Die sich hätten um die Kinder kümmern sollen. Laut der Pariser Staatsanwaltschaft wird zu Vorwürfen sexualisierter Übergriffe und zu Vergewaltigung ermittelt.
