SPIEGEL: Herr Matzka, in so gut wie jedem Trainingsplan sind einmal pro Woche die Beine dran. Warum wird dieser sogenannte Leg Day trotzdem oft ausgelassen?
Matzka: Weil er im Vergleich zu anderen Trainingstagen schwer und schmerzhaft ist. Beim Gedanken daran haben viele wohl eine mentale Barriere, weil sie keine Lust auf diese Anstrengung haben.
SPIEGEL: Was macht Beintraining denn so anstrengend?
Matzka: Das liegt vor allem an der schieren Größe der Beinmuskulatur. Denken Sie mal an die hohen Lasten, die Sie mit den Beinen bewegen können. Diese Muskelmasse benötigt viel Energie, das Herz-Kreislauf-System wird stärker gefordert als bei anderen Übungen. Das fühlt sich viel belastender an als bei kleineren Muskeln.
SPIEGEL: Wieso ist das so?
Matzka: Bei kleineren Muskeln lässt der Schmerz vergleichsweise schnell wieder nach, weil sie schneller wieder mit Blut und frischem Sauerstoff versorgt werden können. Große Muskelgruppen wie die Beine merkt man nach dem Training noch länger. Kennt man ja, das anstrengende Treppensteigen danach oder sogar am nächsten Tag noch. Manchmal fühlt es sich an, als müsste man neu laufen lernen.
SPIEGEL: Kein Wunder, dass so viele Menschen das Beintraining scheuen.
Matzka: Das ist auch kein Weltuntergang – zumindest akut. Langfristig muss man sich aber der gesundheitlichen Bedeutung bewusst sein: Bis zu 60 Prozent unserer Gesamtmuskulatur sitzen in den Beinen. Diese Muskeln sind metabolisch aktive Gewebemasse.
SPIEGEL: Was bedeutet das?
Matzka: Dass die Muskulatur stark am Stoffwechsel beteiligt und wichtig für die ganzheitliche Gesundheit ist, etwa für das Immunsystem und den Insulinhaushalt. Und je älter man wird, desto wichtiger wird die Muskulatur. Das geht schon ungefähr ab dem 30. Lebensjahr los.
SPIEGEL: Was passiert dann?
Matzka: Die Sarkopenie, also altersbedingter Muskelabbau , wird relevanter. Wenn man nicht entgegenwirkt, verliert man jedes Jahr ein paar Prozent an Muskelmasse. Besonders kritisch ist das in den Beinen, weil sie uns durch den Alltag tragen. Wie groß ist das Thema Sturzgefahr im Alter? Ich denke da an meine Oma, die mal über den Teppich gestolpert ist und sich dabei den Oberschenkelhals gebrochen hat. Das wäre wohl nicht passiert, wenn sie stärkere Beine gehabt hätte. Weil der Knochen durch das Training wahrscheinlich stabiler und die Muskulatur fit genug für einen schnellen Ausfallschritt gewesen wäre.
SPIEGEL: Jungen Leuten geht es aber ums Aussehen, nicht um Sicherheit. »Beine trainiert man nicht, weil man sie im Club nicht sieht«, hört man da öfter.
Matzka: Auf jeden Fall sieht man es auch im Club, wenn die Beine überhaupt nicht trainiert und sehr dünn sind. Bei Schönheitsidealen geht es um Proportionen. Dürre Beine zu einem riesigen, muskulösen Oberkörper sehen doch seltsam aus. Starke Beine betonen eine schmale Taille und damit die V-Form des Oberkörpers, die sich viele Männer wünschen. Nicht nur dadurch macht Beintraining auch den Oberkörper schöner.

