Die Erleichterung mischte sich unüberhörbar in den eruptiven Jubel, der nach der Verkündung von Bulgariens Triumph beim Eurovision Song Contest im Pressezentrum der Wiener Stadthalle ausbrach. Zu klar war den meisten Journalistinnen und Journalisten wohl, dass ein Erfolg Israels den Fortbestand des Wettbewerbs gefährdet hätte. (Lesen Sie hier mehr über die politischen Implikationen, die in diesen Minuten sichtbar wurden.)
Dass nicht Noam Bettan am Ende jubeln durfte, sondern Dara aus Bulgarien (Lesen Sie hier ein Porträt der ESC-Siegerin), lag daran, dass Israel in diesem Jahr, anders als 2025, nicht die Televote-Wertung gewinnen konnte. Das starke Abschneiden Israels führten manche Konkurrenten auf exzessive Werbung für den israelischen Beitrag in den vergangenen beiden Jahren zurück – von Regierungsstellen finanziert und ausdrücklich um alle 20 möglichen Stimmen bittend. Es war einer der Begründungsansätze für den Boykott des ESC 2026 von fünf Rundfunkanstalten.
Halbierung der Maximalstimmzahl könnte gewirkt haben
Die Europäische Rundfunkunion reagierte mit einigen Regeländerungen. Neben einer Ächtung von regierungsfinanzierten Kampagnen zählte dazu die Einschränkung, dass den Zuschauerinnen und Zuschauern nur noch zehn Stimmen pro Bezahlmethode zugestanden wurden. Außerdem rief das Moderationsduo mehrfach auf: »Spread the Love«. Man möge also die Stimmen auf mehrere Lieder verteilen.
Nun liegt es im Wesen von freien und geheimen Wahlen, dass niemand wissen kann, was im Kopf der Wählenden vorging. Aber es gibt schon Indizien dafür, dass die neuen Regelungen zumindest ein wenig gegriffen haben. Israel bekam in diesem Jahr nur von sechs Ländern die höchste Televoting-Punktzahl (Aserbaidschan, Finnland, Portugal, Deutschland, die Schweiz und Frankreich – Noam Bettans Lied »Michelle« hatte überwiegend französischen Text). 2025 waren es noch 13 Länder gewesen, 2024 sogar 15.
Besonders auffällig ist das »Rest of the World«-Voting, das als besonders anfällig für Diaspora-Stimmen und Mobilisierungskampagnen gilt. Seit seiner Einführung 2023 war es immer an Israel gegangen. Diesmal gab es nur sechs Punkte für den Nahoststaat, die Höchstwertung ging an Bulgarien, das auch insgesamt die Publikumswertung mit Abstand gewann.
Annäherung von Jury- und Publikumswertungen
Ein ungewöhnliches Detail des Erfolges von Dara beim ESC 2026 war, dass sie die erste Siegerin seit dem Durchmarsch von Salvador Sobral für Portugal 2017 war, die sowohl in der Televotingwertung vorn lag als auch bei den Expertenjurys.
Die Diskrepanz zwischen den beiden Punktewertungen sorgte in den vergangenen Jahren immer wieder für Murren; zumal wenn Publikumslieblinge wie der Finne Käärijä (2023 mit »Cha Cha Cha«) durch zu wenige Jurystimmen am Gesamtsieg gehindert wurden.
Mutmaßlich war das der Hintergrund für eine EBU-Neuregelung, wonach die Jurys von fünf auf sieben Personen pro Land erweitert wurden, von denen zwei zwischen 18 und 25 Jahre alt zu sein haben. Beim abstimmenden TV-Publikum ist der Anteil der Jüngeren dem Vernehmen nach nämlich auch hoch – genaue Zahlen dazu gibt die EBU allerdings nicht offiziell heraus.
