Deutschlands Archäologen vermeldeten in den vergangenen Jahren etliche Entdeckungen, die überraschend, teils geradezu sensationell waren. Sie stießen etwa mitten in Nürnberg auf ein Pestgrab mit über 3000 Skeletten, von dem in keinem alten Schriftstück zu lesen war; sie fanden in Frankfurt einen Nachweis für christliches Leben um das Jahr 250 nördlich der Alpen; und sie gruben immer wieder Hinweise aus, dass die Neandertaler über eine unerwartete Geisteskraft verfügten.
Nun sorgt ein weiterer Fund in Aschaffenburg für Verwunderung unter Expertinnen und Experten: Es handelt sich um Überreste eines fast 35 Meter langen, sehr aufwendig konstruierten Bauwerks, das mit einem Alter von etwa 2400 Jahren aus der Eisenzeit stammt und direkt am Ufer des Mains gebaut wurde.
»Wir gruben und gruben, und das Ding wurde immer größer«
3D-Aufnahme des Gesamtbefundes: Handel mit etlichen Regionen in Europa und auch Asien
Foto: BLfDEs begann im März auf der Baustelle eines sogenannten Regenüberlaufbeckens direkt neben der stark befahrenen Willigisbrücke und unterhalb mehrerer alter Villen mit Mainblick. Arbeiter gruben mit Bagger und Spaten in etwa acht Meter Tiefe und drei Meter unter dem Wasserpegel des Flusses mehrere sauber geschnittene Querbalken aus und alarmierten daraufhin vorsorglich das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD). Die Behörde erwartete nichts Besonderes, schickte aber dennoch ein Team nach Aschaffenburg. Das stellte schnell fest, dass die Balken im Uferboden wohl zu einem ehemaligen Gebäude mit enormen Ausmaßen gehörten, das zum Fluss hin von einer Mauer begrenzt wurde. »Wir gruben und gruben, und das Ding wurde immer größer«, sagt Archäologe Andreas Büttner vom BLfD.
Zunächst mutmaßten die Mitglieder des Grabungsteams, dass sie es mit Überresten eines großen Bauwerks aus dem Mittelalter oder der Frühen Neuzeit zu tun hatten, das nach dem Abriss vollkommen in Vergessenheit geraten war. Es hätte sich damit um einen Fall gehandelt, wie er selten vorkommt, aber nicht ausgeschlossen ist, wie etwa die Entdeckung eines gewaltigen Kellers in Zweibrücken zeigt. Doch dendrochronologische Untersuchungen von Holzproben bewiesen, dass die Eichenbalken aus Aschaffenburg nicht aus dem 14. oder 15. Jahrhundert stammten, sondern auf das 4. Jahrhundert vor Christus zurückgehen. Damals lebten in der Region Unterfranken und anderen Teilen Europa Volksgruppen und Stämme, die grob vereinfacht meist unter einem Oberbegriff zusammengefasst werden: Kelten.
Ähnlich wie über die Germanen, die zur gleichen Zeit in Nordeuropa lebten, kursieren auch über die Kelten noch immer reichlich Klischees. Auch sie hinterließen praktisch keine eigenen Aufzeichnungen, und so geht ihr Ruf ebenfalls vorwiegend auf die oft faktenfreien Schriften römischer und griechischer Gelehrter zurück. Diese beschrieben die »Keltoi«, wie sie in griechischen Schriften genannt werden, als eher unterentwickelt, ungehobelt und trinkfreudig. Sie entwarfen das Bild von Menschen, die einfach lebten und zu großen Bauleistungen nicht in der Lage waren.
Bei allen Parallelen zu ihren Nachbarn aus dem Norden wurde den Kelten zumindest ein besonderer Hang zum Spirituellen und Mythischen nachgesagt, und das wohl auch nicht ganz zu Unrecht. Druiden spielten wohl tatsächlich eine wichtige Rolle in den Gemeinschaften – der ehrwürdige Miraculix aus den Comics um Asterix und Obelix, die als Gallier auch zu den Kelten gezählt werden, lässt grüßen.
