SZ 18.02.2026
18:04 Uhr

Wachs-Trucks bei Olympia: „Das kann man sich vorstellen wie in der Formel 1“


500 Paar Ski für 14 Langläufer und Kombinierer, da fällt viel Arbeit an für die Materialpräparierer im deutschen Wachs-Truck. Ein Gespräch mit DSV-Cheftechniker Enrico Heisig über die Kunst des Wachsens und Schleifens – und warum  die Trucks fast eine Million Euro kosten.

Wachs-Trucks bei Olympia: „Das kann man sich vorstellen wie in der Formel 1“
Im deutschen Wachstruck: Enrico Heisig (rechts) mit Chefschleifer Christian Beetz (Mitte) und Andreas Emslander, Cheftechniker Forschung und Entwicklung. (Foto: Sebastian Winter)

Wie ein Wanderzirkus wirken die Wachs-Trucks, die neben dem Olympia-Langlaufzentrum in Tesero auf einem eingezäunten Areal am Fluss Avisio stehen. Ganz vorn der italienische LKW des Gastgebers, dahinter die zweistöckigen Giganten aus Norwegen und Finnland, ersterer mit Sonnendeck. Österreich steht etwas abseits am Zaun, gegenüber haben gleich drei deutsche Trucks geparkt. Samt kleiner Terrasse, wie beim Campen. Drinnen arbeiten Wachser in Schürzen, spannen Ski ein, bürsten darüber, ein Kollege zieht einen Ski über die Maschine. Ein Gespräch mit dem DSV-Cheftechniker Enrico Heisig, Leiter des Technologiezentrums in Oberhof, über die Kunst des Wachsens und Schleifens.

SZ: Herr Heisig, warum benötigen die deutschen Langläufer und Kombinierer bei Olympia drei LKW zum Wachsen und Schleifen?

Enrico Heisig: Einer ist für die Langläufer, einer für die Kombination, und der, in dem wir gerade sitzen, das ist unsere mobile Schleifwerkstatt, in der die Ski geschliffen werden – ein ganz wichtiger Part im Gesamtsystem. Die Schleifmaschine alleine kostet 100 000 Euro. Wir haben hier seit Anfang Februar neun Techniker dabei, sieben Herren, zwei Damen, in der Kombination noch mal vier Techniker. Und hier in unseren Trucks liegt eben das komplette Skimaterial der Athleten plus die Testski.

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Wie viele sind das?

Im Schnitt sind es ungefähr 30 Paar pro Athlet, da sind alle Schliffe für alle Bedingungen schon drauf vor den Wettkämpfen. Wir haben momentan bei Olympia sechs Frauen und fünf Männer im Langlauf und bei den Kombinierern drei Männer. 14 Athleten, das sind also an die 500 Paar Ski, die wir gerade in den Trucks haben. Aber diesen Aufwand betreiben wir nur bei einer WM oder bei Olympia. Während eines solchen Höhepunkts bringen die Firmen auch neues Material.

Irgendwie sehen die Trucks der Schweden und Finnen etwas beeindruckender aus, zweistöckig. Geht es auch darum, zu zeigen, wer den größeren hat?

Ob man jetzt wirklich diese Größe braucht, sei mal dahingestellt. Diese Nationen haben eben relativ viel Personal dabei, das wird mit ein Grund sein, warum sie diese Größe haben, weil dort einfach mehr Platz ist. Aber dass sie jetzt unbedingt nach außen demonstrieren wollen, dass sie die Stärkeren sind: Kann sein, muss aber auch nicht. Teuer sind sie alle. Einer unserer Trucks kostet schon 800 000 Euro, das Material noch mal 250 000 Euro.

Und in diesen ganzen Schubladen hier, was ist da drin?

Rund 20 Schleifsteine, schauen Sie! Für die unterschiedlichen Schliffe, die auf die Skiunterseite, auf den Belag, kommen. Grobe Körnungen, feine Körnungen, wie beim Sandpapier. Je nachdem, wie kalt, warm, nass, feucht oder trocken es ist, gibt es zig verschiedene Schliffe, die am Tag des Rennens längst erledigt sein müssen. Das kann man sich vorstellen wie in der Formel 1: glatte Slicks für trockenes Wetter, Regenreifen mit viel Profil, wenn es feucht oder nass ist. Je wärmer es ist und je nasser der Schnee, desto besser muss das Wasser unter dem Ski ablaufen. Den Wasserfilm braucht man zugleich, um besser gleiten zu können. Früher hatte man nur einen Schleifstein, hat herumprobiert. Da hat sich enorm viel entwickelt.

Der Belag ist ja wenige Millimeter dünn. Wie lange kann man den überhaupt schleifen?

Für nasse Bedingungen, also mit mehr Profil, vielleicht sechsmal, für trockene Verhältnisse acht- oder neunmal. Danach ist der Belag so dünn, dass er, wie der Meniskus im Knie, halt irgendwann hinüber ist. Der Belag überhaupt ist eine Wissenschaft für sich. Wir nutzen da auch Technologien, die aus der Industrie kommen, haben viele Tests gemacht, es laufen Projekte.

Welche Technologien und Projekte sind das?

Na hören Sie mal, Betriebsgeheimnis!

Okay, aber den Ablauf beim Präparieren dürfen Sie verraten?

Zunächst mal werden die Ski von den Firmen in verschiedenen Härtegraden hergestellt, sie haben unterschiedliche Spannungen und Biegungen, je nach Athlet und Bedingung. Das ist ein Prozess, der sich über den Sommer, Herbst bis in den Winter zieht. Unsere Techniker sind dann für bestimmte Athleten zuständig und legen fest, welche Ski mit welchen Schliffen genommen werden. Der einzelne Athlet macht da gar nicht mehr so viel in dem Bereich, das war früher noch anders. Die Techniker wachsen und testen die Ski. Das Set-up steht schon mehrere Tage im Vorfeld. Und dann kommt der X-Faktor. Wie sind die Bedingungen am Wettkampftag? Gibt es einen Wetterumschwung? Dann muss man eventuell auch beim Schliff nacharbeiten. Morgens gehen sie mit den Ski auf die Strecke, kommen zurück, bereiten nach. Sie messen draußen auch die Schneekörnung.

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Die Schneekörnung?

Wir schauen uns den Schnee auf der Strecke an, nehmen eine Handvoll, legen ihn auf eine Metallplatte mit Millimetereinteilung. Dort kann man wunderbar sehen, ob es nun feinkörniger, mittelkörniger oder grobkörniger Schnee ist. Danach entscheidet man, welches Wachs man hernimmt. Zum Beispiel hat man zehn Paar Testski und macht dort zehn verschiedene Wachse drauf. Die werden dann gefahren, bis das beste Wachs ermittelt ist. Und dann kommt genau diese Wachsvariante auf den Wettkampfski drauf. So ein Prozess dauert circa zwei Stunden.

Wir sind jetzt gerade ein paar Meter weitergegangen in den Wachs-Truck. Welches Wachs nutzen Sie überhaupt?

Aufsprühwachs, Schwammaufträger, Blockwachs, das liegt hier alles in den Schubladen. Aber bloß nicht fotografieren, das ist top secret.  Hier gibt es auch Wachs in Pulverform, wie ein Salzstreuer. Oder flüssiges Paraffinwachs, ideal für feuchten und nassen Schnee. Hartes Blockwachs wird für eher kältere Bedingungen hergenommen. Aber eine hundertprozentige Garantie, welches Wachs wann am besten funktioniert, gibt es nicht.

Konkret: Wie schwer ist es bei diesen Winterspielen zu wachsen? 

Es ist eine sehr, sehr große Herausforderung. Letzte Woche war es hier in Tesero sehr warm und der Schnee war sehr weich. Am Vormittag hat es noch Frost und zur Wettkampfzeit mittags kommt die Sonne ins Stadion, das ist der Kipppunkt. Gerade im Stadion scheint die Sonne dann voll rein, hinten am Bergrand hast du wieder schattige Stellen. Die Bedingungen unterscheiden sich also, sie sind nicht konstant. Und das macht es enorm schwierig, das Rennen zu simulieren, auch wenn es Erfahrungswerte gibt. Das Ergebnis sieht man erst im Wettkampf. Und danach ist es wichtig, offen und ehrlich zu sein. Es bringt ja auch nichts als Athlet, zu sagen, der Ski ist schuld, weil die eigene Leistung schlecht war. Aber dass wir Techniker in die falsche Richtung laufen, das gibt es auch.

Laura Gimmler, die ganz aktuell am Mittwoch mit Coletta Rydzek Bronze im Teamsprint gewonnen hat, hatte letzte Woche angedeutet, dass das Material nicht ganz gepasst hätte.

Laura hat auf der klassischen Strecke ein bisschen zu glattes Material gehabt. Am Stieg, also unter der Bindung in der Mitte des Skis, mag sie es eigentlich generell auch ein bisschen glatter, aber an dem Tag ist sie nicht so damit zurechtgekommen. Das hat sie uns auch so gesagt, und das fand ich eine faire, vernünftige Einschätzung, mit der wir arbeiten können. Und jetzt mit Bronze hat es offenbar gepasst, Glückwunsch an die beiden!

Es ist die erste Langlaufmedaille für die Deutschen in Tesero. Generell ist das doch ein sensibles System, in dem die Athleten auch mal nach dem Rennen kommen und sagen: leider verwachst!

Ja, natürlich, das ist sehr sensibel. Man wartet erst mal ab, was der Athlet sagt, beispielsweise wie im Fall von Kombinierer Vinzenz Geiger vergangene Woche, der auf der letzten Runde in der Loipe viel Zeit verloren hat. Wir denken dann immer, oh, lief der Ski zu schlecht? Der Vinzenz hat aber gesagt, der Ski war top, er hat sich körperlich einfach nicht gut gefühlt.

Finnland hat am Samstag Protest gegen die Sprintwertung vom Dienstag bei den Männern eingelegt, weil Norwegen verbotenerweise eine Wachsmaschine während der Vorläufe benutzt habe. Der Ski-Weltverband Fis hatte es versäumt, die anderen Nationalteams von der Ausnahmegenehmigung zu unterrichten. Die Fis entschuldigte sich.  Zudem warfen die Finnen dem US-Team vor, verbotenen Wachsentferner in den Servicebereich mitgebracht zu haben. Der Protest wurde wegen Fristversäumnissen abgewiesen. Wie sehen Sie das?

Ganz einfache Antwort: Es gibt ein Regelwerk, dort ist alles festgelegt. Auch, dass eine Nation es sich genehmigen lassen muss, solche Wachsmaschinen zu verwenden, und die anderen davon unterrichtet werden müssen. Und wenn ein Regelwerk da ist und das wird dann so gehandhabt, dann ist das sicher nicht die tollste Art.

Wie schätzen Sie das als Techniker ein?

Wir haben ja auch eine solche Maschine, hier drüben, sehen Sie? Der Punkt war ja, dass sie während des Vorkampfs eingesetzt wurde, was verboten ist. Das ist eine Wachsrolle, da kommt das Steigwachs rein. Bei den Skiern spricht man an beiden Enden von den Gleitzonen, in der Mitte unter der Bindung von der Steigzone, wo der Schuh draufdrückt und das Wachs auch für Halt an Steigungen sorgt. Und mit dieser Rolle kann man diesen klebrigen Klister dünner auftragen, als wenn man es händisch macht. Während der Vorläufe darf man es aber eben nur händisch auftragen.

Auch weiterhin?

Auch weiterhin, bis die Fis etwas an den Regeln ändert.

Gibt es hier in diesem Areal eigentlich auch Spione, verdeckte Ermittler anderer Teams also?

Hier laufen eigentlich nur Spione rum, ständig gibt es Schlägereien ums beste Material (lacht). Nein, also von Spionen weiß ich nichts, wir können auch problemlos mal beim Truck der anderen Nationen anklopfen. Die lassen einen normalerweise auch rein. Aber da sieht man natürlich nicht, wie sie die Ski präparieren. Denn während der Wettkampfpräparation darf hier bei uns und auch bei anderen Nationen selbstverständlich keiner in die Trucks rein.

Herrscht da zu manchen Nationen ein besseres Verhältnis als zu anderen? Die Österreicher stehen direkt gegenüber, die Italiener haben sich den Platz direkt am Eingang gesichert als Ausrichter.

Zu manchen Nationen hat man einen guten Draht, andere sind reservierter. Grundsätzlich versteht sich die Technikergilde untereinander. Das ist ja wie ein Wanderzirkus hier, da trinkt man auch mal nach Feierabend und einem 14-Stunden-Tag draußen noch zusammen ein Bier auf unserer Terrasse.

Stevenson Savart wuchs bei Adoptiveltern auf, erfuhr Spott, jobbt als Lehrer. Mit Stolz vertritt der 25-Jährige aus Haiti sein armes Land und kämpft für ein höheres Anliegen – auch wenn er chancenlos in der Loipe ist.

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