SZ 16.01.2026
14:12 Uhr

(+) EM-Silber für Eisläufer Hase/Volodin: Kälteschock vor Olympia


Die Titelverteidiger Minerva Hase/Nikita Volodin stürzen bei der Europameisterschaft in Sheffield und werden trotzdem Zweite. Die Missgeschicke könnten die zuletzt überhitzten Olympiaerwartungen etwas herunterkühlen.

(+) EM-Silber für Eisläufer Hase/Volodin: Kälteschock vor Olympia

Es gibt Abende, an denen sich der Zauber eines Programms entfaltet und die Kufen über die Fläche zu schweben scheinen. Und es gibt Tage, an denen Paarläufer die Eisen an den Füßen spüren, an denen auch das Publikum die Anstrengung einer Vierminutenkür erkennt. Eiskunstlauf in seiner schönsten Form ist Magie; dann wieder ist es ein Knochenjob, „harte Arbeit“, wie Minerva Hase Donnerstagnacht in der Arena in Sheffield sagte. Dass es für sie und ihren Partner Nikita Volodin trotzdem zu Platz zwei bei der Europameisterschaft reichte, spricht für die Kunst des Duos. Aber es war knapp.

Drei Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele haben die Europameister des vergangenen Jahres ihren Titel an die Georgier Anastasia Metelkina/Luka Berulawa verloren. In Großbritannien genügte die Kürvorstellung ihren Ansprüchen an perfekte Kufentechnik und tänzerische Harmonie kaum. „Es war nicht der Auftritt, den wir uns erhofft haben“, sagte Minerva Hase. Bis zu den Winterspielen gebe es reichlich Verbesserungsbedarf. In Anbetracht der zuletzt stark überhitzt wirkenden öffentlichen Erwartungen an das Berliner Duo war es jedoch möglicherweise ein Kälteschock zur rechten Zeit, der die Aufregung vor den Winterspielen auf erträgliche Temperaturen herunterkühlen dürfte.

Ilia Malinin ist 20 Jahre alt, zweimaliger Weltmeister – jetzt zeigt er eine nie gesehene Ansammlung von Höchstschwierigkeiten in Perfektion. Und der Kür-Weltrekordler aus den USA hat noch weitere Pläne.

Minerva Hase aus Berlin und Nikita Volodin, ausgebildet in St. Petersburg, hatten in den ersten beiden Jahren ihrer Allianz die Fachwelt verblüfft, weil sie in der Grand-Prix-Serie von Sieg zu Sieg eilten, als wären sie ihr Leben lang Hand in Hand gelaufen. Im März 2025, Höhepunkt der bisherigen Zusammenarbeit, gewannen sie die WM-Silbermedaille. In diesem Winter, ihrem dritten, werden feine Kratzer in der Erfolgsbilanz sichtbar, die bis dahin so spiegelglatt wirkte wie eine frisch polierte Eisfläche. Bei Skate Canada Ende Oktober wurden sie Zweite hinter Deanna Stellato-Dudek und Maxime Deschamps aus Kanada. Im Grand-Prix-Finale in Nagoya im Dezember misslang dann im Kurzprogramm der Dreifach-Salchow, doch dank einer glänzenden Kür – da war sie wieder, die Magie – eroberten die Titelverteidiger noch Rang drei hinter den Weltmeistern Riku Miura/Ryuichi Kihara aus Japan und den Italienern Sara Conti/Niccolo Macii. Jetzt setzte sich in Sheffield die Reihe fort.

Schon nach dem Kurzprogramm, einem Tango, lagen sie auf Platz zwei, wieder wegen einer kleinen Unsicherheit bei Hases Einzelsprung, dem Salchow. Der Abstand zu den in Russland trainierenden zweimaligen Juniorenweltmeistern Metelkina/Berulawa betrug allerdings nur einen Punkt. In der Kür zeigte sich dann, dass im Fluss einer Choreografie ein Missgeschick das nächste nach sich ziehen kann wie in einer Kettenreaktion auf Kufen. In der Sprungkombination kam Volodin, ungewöhnlich für den sonst so soliden Athleten, zunächst leicht bei der Landung des Dreifach-Toeloops aus dem Tritt. Anschließend stürzte Hase, auch das ist selten, beim Wurfrittberger, der eine Dreifachrotation in der Luft erfordert. „Damit“, sagte sie, „war der Flow im Programm dahin.“ Stürze rauben Kraft, nagen an der Konzentration. Zum Schluss, als Volodin die Partnerin durch die Luft wirbelte, auf einer nur wenige Millimeter breiten Kufe balancierend, fehlte die Energie: Sie mussten die Hebung abbrechen. Das ist ein rarer, aber so offensichtlicher Fehler, dass ihn auch Zuschauer erkennen, die nicht auf Anhieb eine Todesspirale vorwärts-einwärts von einer Todesspirale vorwärts-auswärts unterscheiden.

„Das wird uns nicht noch einmal passieren“, sagte Minerva Hase, als die Preisrichter in der Addition von Kurzprogramm und Kür 203,87 Punkte vergeben hatten. Beim Sturz hatte sie sich die Haut aufgeschürft; nichts Ernstes, sagte sie. Sie blieben vor den Ungarn Maria Pavlova/Alexei Sviatchenko. Doch der Rückstand auf die jungen Georgier, die ebenfalls nicht fehlerfrei liefen, wuchs auf 11,89 Punkte: Metelkina/Berulawa sind mit Schwung in den Kreis der Olympiafavoriten hineingetanzt, zu denen weiterhin auch die Italiener Conti/Macii zählen, die in Sheffield wegen einer Verletzung fehlten.

Dass die fast traumwandlerische Sicherheit bei den Kapriolen auf Glatteis nicht ewig würde anhalten können, war auch Minerva Hase, 26, und ihrem gleichaltrigen Partner klar. Sie haben erstmals in dieser Saison einen neuen, komplizierten Dreifachwurf, den Flip, ins Programm genommen. „Das machte uns ein bisschen nervös“, hatte Nikita Volodin in der Januar-Ausgabe des Fachmagazins Pirouette gesagt. Er hatte kürzlich Probleme mit den Schlittschuhen, und auch die Kür sei komplexer als zuletzt: „Am Ende muss man sehr stark laufen, wenn man schon nicht mehr kann.“ Eine weitere Gefahr für die Stabilität sah er paradoxerweise in den brillanten Vorstellungen der vergangenen beiden Jahre: Wer immer gut läuft, ist entspannt, sagte er: „Aber wenn du koordinativ schwierige Elemente ein bisschen entspannt machst, kann etwas passieren.“

Und schließlich haben sie eine künstlerisch anspruchsvolle, elegische Kürmusik des Komponisten Max Richter gewählt, die ein Paar nicht mit Percussions durchs Programm treibt, sondern ihre volle Magie nur bei Fehlerlosigkeit entfaltet.

Das ist ein Wagnis, das andere in der Olympiasaison vermeiden. Das zweite deutsche Paar, Annika Hocke und Robert Kunkel, wählte den rockigen Weg. Sie laufen ihre Kurzkür zu Lady Gaga („Hold my Hand“), die lange Kür zu Meat Loaf („I’d Do Anything For Love“) und haben in Sheffield als EM-Vierte mit 188,27 Punkten ihren beeindruckendsten Auftritt seit Jahren feiern können. Noch im Sommer hatten die EM-Dritten von 2023, die nicht in Berlin, sondern in Bergamo trainieren, um die Fortsetzung der Karriere fürchten müssen: Hockes messerscharfe Schlittschuhkufe hatte dem Partner und Freund bei einem Eisunfall die Hand aufgeschlitzt. Eine Hauttransplantation war nötig. Am Donnerstag fielen sie ihrem Trainer, dem ehemaligen Eiskunstläufer Ondrej Hotarek, erlöst um den Hals. „Es war für uns hochemotional auf dem Eis“, sagte Hocke. „Das Publikum war überwältigend“ – es hat sie getragen.

Zwei Spitzenduos wird die Deutsche Eislauf-Union also nach Mailand entsenden, wenn am 15. Februar der heiße Tanz um die Paarlaufmedaillen beginnt. Gut drei Wochen Arbeit bis Olympia liegen noch vor ihnen. „Ich hoffe, wir können dann unser ganzes Potenzial zeigen“, sagte Minerva Hase. Das Potenzial und den Zauber, der dazugehört.

Im Fokus vor den Olympischen Spielen steht zum Jahreswechsel nicht mehr Cortina, sondern die Eishockey-Arena in Mailand. Ob alles fertig wird? Die Macher verbreiten in Seelenruhe ihren Optimismus – dabei zählt jede Stunde.

Lesen Sie mehr zum Thema

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: