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26.01.2026
14:08 Uhr
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60 000 Euro sollen die Stadtwerke Brühl für die Versicherung von sieben Autos zahlen. Wegen der hohen Kosten stellen sie ihren Carsharing-Dienst ein. Vielen kleinen Anbietern geht es ähnlich.

Parkplatz für Carsharing-Autos in München. Mehrere Städte in Deutschland bieten Leihfahrzeuge aus einer eigenen Flotte an. (Foto: Florian Peljak)
Carsharing gilt eigentlich als Königsweg für umweltfreundlicheren Privatverkehr und als Lösung vieler Verkehrsprobleme in Städten. Autokonzerne und Mietwagenspezialisten stiegen ebenso ein wie öffentliche Versorgungsunternehmen. Sie wurden gerade in den Städten und Regionen aktiv, in denen große Anbieter nicht oder kaum präsent sind. Doch jetzt gerät das System wegen der Versicherungskosten unter Druck.
Der jüngste Rückzug: Die Stadtwerke Brühl bei Köln haben ihr Carsharing-Angebot zum Jahreswechsel eingestellt. Die Versicherung wurde so teuer, dass sich der Betrieb von „Brühl Mobil“ nicht mehr lohnte. Der Geschäftsführer Thomas Isele sagte laut einer Mitteilung des städtischen Unternehmens: „Unsere Kfz-Versicherung hat uns den Vertrag zum Jahresende gekündigt.“ Alternative Versicherungsangebote würden die Kosten für das Unternehmen und seine Kundinnen und Kunden so stark erhöhen, dass ein wirtschaftlicher Betrieb nicht mehr möglich sei.
Die Rheinländer hatten eine kleine Flotte von sieben Elektroautos, die von 630 Brühlern genutzt wurde. Künftig sollten die Stadtwerke für die sieben Fahrzeuge 60 000 Euro Prämie zahlen, wie Stadtwerke-Aufsichtsratschef Frank Pohl dem Kölner Stadt-Anzeiger sagte. Das ist weit mehr als das Doppelte, verglichen mit den bisherigen Versicherungskosten.
Die Brühler sind mit diesem Problem nicht allein. Ende November 2025 beendeten die Stadtwerke Tübingen ihr Carsharing mit Elektroautos. Zwar nannten sie keine konkreten Gründe, verwiesen aber auf ein untragbares Verhältnis von Aufwand, Kosten und Ertrag. In Schleswig-Holstein stellten die Stadtwerke Steinburg Ende 2025 ebenfalls das Angebot ein. „Nach knapp sechs Jahren zeigt sich: Es rechnet sich nicht“, hieß es dazu. Auch die Stadtwerke Troisdorf im Raum Köln-Bonn beendeten ihr E-Carsharing. Ausschlaggebend seien wirtschaftliche und organisatorische Gründe gewesen.
Größere Anbieter scheinen weniger betroffen zu sein. So erklärte die bundesweit aktive Cambio-Gruppe auf Nachfrage, ihre Versicherung sei nicht gekündigt worden. Allerdings hätten die Gesellschaften der Gruppe in den vergangenen Jahren „zum Teil erhebliche Anstiege bei den Versicherungsquoten“ verzeichnet. Wie stark die Prämien stiegen, sagte Cambio nicht.
Die BGV Badische Versicherungen aus Karlsruhe ist der wichtigste Versicherer der Carsharing-Firmen. Das Unternehmen versichert eigenen Angaben zufolge rund zwei Drittel der Anbieter. Zu einzelnen Kunden äußert sich die BGV nicht, bestätigt aber, „einige wenige, sehr schlecht laufende Einzelverbindungen“ gekündigt zu haben. In anderen Fällen habe man „einvernehmlich notwendige Beitragsanpassungen verhandelt“. Das Kfz-Geschäft macht 43 Prozent des Beitragsvolumens der BGV aus. In einem ohnehin unter Druck stehenden Kfz-Versicherungsmarkt trafen die hohen Schäden aus dem Carsharing den Versicherer besonders. 2024 schrieb er im Kfz-Segment hohe Verluste, 2025 gab es erneut ein Defizit.
Carsharing-Anbieter kämpfen traditionell mit mehr Schäden als private Autobesitzer. Viele Nutzer fahren selten Auto und sind mit den Fahrzeugen nicht vertraut. Unfälle und viele Blechschäden, beispielsweise durch Parkrempler, sind die Folge. Dazu kommen Vandalismus und unsachgemäße Nutzung.
Das Schadenmanagement ist deshalb entscheidend dafür, ob ein Anbieter rentabel ist oder nicht. Laut Branchenkennern tun sich Stadtwerke, für die Carsharing ein Nebengeschäft ist, damit schwerer als spezialisierte Gesellschaften. Bei kleineren Anbietern seien die Schadenquoten oft „astronomisch hoch“. Das führt zu steigenden Prämien, die einen rentablen Betrieb nahezu unmöglich machen. Deshalb droht den Anbietern das Aus.
Der Versicherer BGV will sich trotz der Schwierigkeiten „definitiv nicht“ aus dem Geschäft mit dem Carsharing zurückziehen. „Seit über 20 Jahren sind wir Partner des Carsharing-Segments, haben die Entwicklungen miterlebt und bekennen uns weiterhin zu dieser Partnerschaft“, sagte eine Sprecherin. „Die letzten zwei Jahre waren in der gesamten Kfz-Branche bekanntlich schwer.“
Für 2026 zeigt sich der BGV vorsichtig optimistisch. Die Schadenaufwendungen dürften nicht mehr so stark steigen wie zuletzt. Bei den Werkstattkosten und den Ersatzteilpreisen sei wohl ein Höhepunkt erreicht. „Da sich diese Kostenpositionen aber nicht zurückentwickeln werden, bleiben wir auf einem hohen Niveau.“ Weitere Beitragserhöhungen will die BGV deshalb nicht ausschließen, allerdings nicht mehr auf dem Niveau der Jahreswechsel 2023/24 und 2024/25.
Das könnte kleinen Anbietern in Regionen helfen, die von den Carsharing-Konzernen bisher nicht oder schlecht versorgt werden. In mehreren Städten setzten sich Kommunalpolitiker für neue Angebote ein. So hat Fürstenfeldbruck in Bayern zehn Fahrzeuge für Carsharing bereitgestellt. Allerdings betreibt kein städtisches Unternehmen das System. Fürstenfeldbruck hat nach einer Ausschreibung den privaten Anbieter Carsharing-Experten aus Schöngeising ausgewählt. Ähnlich geht Coswig bei Dresden vor. Dort betreibt der Leipziger Anbieter Teilauto seit 2025 einen Carsharing-Dienst mit einigen wenigen Fahrzeugen.
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