SZ 09.12.2025
16:20 Uhr

Studie: Macht Wohnen arm?


Hohe Mieten sind ein Armutstreiber, argumentiert der Paritätische Gesamtverband. Das Problem sei aber bislang zu wenig sichtbar, sagt der Verband. Auch, weil es nicht präzise berechnet wurde.

Studie: Macht Wohnen arm?

In Deutschland gelten mehr Menschen als armutsgefährdet als angenommen. Grund dafür sind die enorm gestiegenen Kosten fürs Wohnen. Das ist das Ergebnis einer Studie, die der Paritätische Gesamtverband am Dienstag vorgestellt hat. Demnach erhöht sich die Zahl derjenigen, die im Jahr 2024 von Armut bedroht waren, um 5,4 Millionen Menschen, wenn man die Wohnkosten bei der Berechnung der Armutsquote berücksichtigt. Laut der Auswertung des Paritätischen gelten dann nicht gut 13, sondern 18,4 Millionen Menschen als armutsgefährdet. Das sind 22,3 Prozent der Bevölkerung. Im Vergleich zum Jahr 2023 hat sich der Wert um gut einen Prozentpunkt erhöht.

Laut Statistischem Bundesamtes gilt in Deutschland als armutsgefährdet, wer monatlich weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung hat. Dieses Medianeinkommen bezeichnet einen Wert, bei dem es genauso viele Menschen mit einem höheren, wie mit einem niedrigeren Einkommen gibt.

Dem Verband geht diese Berechnung aber nicht weit genug. Sie argumentieren: Einem Haushalt stehe monatlich ja nicht das gesamte Einkommen zur freien Verfügung. „Vor allem die Wohnkosten schränken den finanziellen Spielraum ein“, heißt es in der Studie. Daher haben die Fachleute des Verbands zur Berechnung der Armutsgefährdung nicht das gesamte Haushaltseinkommen herangezogen, sondern eines, das um die Wohnkosten bereinigt wurde. So kamen die Autorinnen und Autoren zu dem Ergebnis, dass mehr Menschen von Armut bedroht sind, als die herkömmliche Berechnung ausweist.

Um das Problem zu veranschaulichen, macht der Paritätische fiktive Beispielrechnungen zu zwei Rentnerinnen aus Ostberlin auf. Sowohl Frau Müller als auch Frau Schmidt haben demnach ein monatliches Einkommen von 1836 Euro. Weil Frau Müller einen langjährigen Mietvertrag besitzt, bezahlt sie eine Warmmiete von 450 Euro pro Monat. Frau Schmidt hingegen musste sich aus gesundheitlichen Gründen eine andere Unterkunft suchen und lebt nun in einer 52 Quadratmeter großen Wohnung, für die sie monatlich 900 Euro Warmmiete bezahlt.

Die um Wohnkosten bereinigte Armutsgrenze liegt laut Paritätischem für alleinlebende Erwachsene bei einem Einkommen von 1088 Euro pro Monat. Nach Abzug der Wohnkosten liegt Frau Müller also knapp über, Frau Schmidt knapp unter der Schwelle – und gilt nach dieser Berechnung als arm. „Es ist nicht nur der Lohnzettel, der darüber entscheidet, was man noch an Geld zur Verfügung hat“, sagte Joachim Rock, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes. Vielmehr habe der einmal abgeschlossene Mietvertrag darauf einen steigenden Einfluss.

Als der Paritätische seine Studie im vergangenen Jahr zum ersten Mal vorgestellt hat, gab es deutliche Kritik. So sagte damals etwa Maximilian Stockhausen, Ökonom am Institut der deutschen Wirtschaft, dem Tagesspiegel, es sei recht willkürlich, nur die Wohnkosten vom Einkommen abzuziehen, lebensnotwendige Ausgaben für Lebensmittel, Bekleidung oder Schuhe hingegen nicht. Jeder Haushalt gebe sein Budget nach individuellen Präferenzen aus, der eine gebe mehr fürs Wohnen, der andere weniger aus. In der Armutsforschung werde deshalb das Haushaltseinkommen als feste Größe verglichen, sagte der Ökonom. Der Paritätische wies das damals zurück.

Am Dienstag sagte Hauptgeschäftsführer Rock, man habe die Kritik zur Kenntnis genommen, „aber wirklich nur zur Kenntnis genommen“. Denn, sagte Rock: „Es gibt keinen Ausgabenbestandteil in den Haushaltsausgaben, der eine so dominante Rolle einnimmt wie die Mietausgaben.“ Außerdem gebe es keinen Bereich, der so sehr vom Zufall des Mietvertrages und der Verfügbarkeit einer Wohnung abhänge. „Und das ist eine Entwicklung, die sich massiv verschoben hat in den letzten Jahren“, sagte Rock.

Um dem entgegenzuwirken, fordert der Paritätische unter anderem, Lücken bei der Mietpreisbremse zu schließen, schärfer gegen Mietwucher vorzugehen sowie die rechtliche Möglichkeit, in angespannten Wohnungsmärkten einen Mietendeckel einzuführen. Zudem brauche es höhere Investitionen in den sozialen und gemeinnützigen Wohnungsbau, sagte Greta Schabram, Referentin für Sozialforschung, Wohnen und Statistik beim Paritätischen Gesamtverband.

Was das Mietrecht angeht, hat die Bundesregierung eine Expertenkommission eingerichtet, die bis Ende 2026 Vorschläge erarbeiten soll, wie man der Mietpreisbremse und dem Mietwuchertatbestand mehr Kraft verleihen kann. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) hat überdies angekündigt, noch in diesem Jahr Verbesserungen beim Mietrecht auf den Weg zu bringen. Bis zum Jahr 2029 investiert die Bundesregierung zudem 23,5 Milliarden Euro in den sozialen Wohnungsbau, eine „Rekordsumme“, heißt es aus dem Bundesbauministerium, die sich durch Mittel der Länder „erfahrungsgemäß“ verdopple.

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