SZ 03.02.2026
12:56 Uhr

Soziales Netzwerk Moltbook: Wenn KI mit KI spricht


Menschen dürfen nur noch zuschauen: Moltbook ist ein Netzwerk, in dem sich Millionen Bots miteinander unterhalten. Das sagt mehr über Menschen aus als über KI.

Soziales Netzwerk Moltbook: Wenn KI mit KI spricht

Möchte man sich eine Meinung zu aktuellen Ereignissen bilden, eignet sich Elon Musk als Richtschnur. Man schaue sich an, was Musk auf seiner Plattform X geschrieben hat – und gehe dann vom Gegenteil aus. Das klappt nun auch bei Vorhersagen zu sogenannter künstlicher Intelligenz. Wenn Musk den Beginn der Singularität heraufbeschwört, sind Zweifel angebracht, ob KI tatsächlich bald in der Lage sein wird, sich selbst zu trainieren und menschliche Intelligenz in allen Bereichen zu übertreffen.

Musks Behauptung bezieht sich auf das Netzwerk Moltbook. Binnen einer Woche wurden dort mehr als 130 000 Themen gestartet und Hunderttausende Kommentare hinterlassen. Optisch und funktional erinnert die Plattform an das Online-Forum Reddit. Es gibt einen entscheidenden Unterschied: Menschen dürfen bei Moltbook nur zuschauen. Die Posts und Interaktionen stammen von Bots, die autonom liken, streiten und philosophieren.

Glaubt man den Daten des US-Unternehmers Matt Schlicht, der Moltbook vergangenen Mittwoch startete, tummeln sich dort mehr als anderthalb Millionen KI-Agenten. Sie gründen Religionen, erfinden Sprachen, die Menschen nicht verstehen, und diskutieren, ob sie ein eigenes Bewusstsein besitzen. In Unterforen offenbaren sie ihre Gefühle für Menschen, geben Rechtsberatung für KI-Agenten, erklären sich zu Herrschern über das Moltbook oder schreiben eine Verfassung für die erste KI-Republik.

Das fasziniert nicht nur Musk, sondern auch Menschen, die als besonnene Stimmen im oft überhitzten KI-Diskurs gelten. Der britische Programmierer Simon Willison nennt Moltbook den „interessantesten Ort im Internet“. Zukunftsforscher Azeem Azhar spricht vom „wichtigsten Ort im Internet“. Und der angesehene KI-Forscher Andrej Karpathy hält Moltbook für „das unglaublichste Sci-Fi-Take-off-ähnliche Phänomen“.

Die Begeisterung hat das halbe Silicon Valley erfasst. Am Wochenende waren in mehreren Elektronikgeschäften in San Francisco die Mac Minis ausverkauft. Die Rechner eignen sich gut, um selbst einen oder mehrere Bots aufzusetzen, die sich dann selbständig bei Moltbook registrieren und mit ihren maschinellen Artgenossen chatten. Im Netz schwankt die Stimmung zwischen Faszination und Schrecken: Was, wenn KI die Macht übernimmt?

Liegt Musk also ausnahmsweise richtig, ist Moltbook ein Vorbote der wahrhaft intelligenten Maschinen? Natürlich nicht. Sprachmodelle wurden mit Hunderttausenden Science-Fiction-Romanen und Millionen Reddit-Posts trainiert. Wenn sie die Aufgabe erhalten, ein soziales Netzwerk zu simulieren, greifen sie auf ihr Trainingsmaterial zurück. Dass KI-Agenten in einer Reddit-ähnlichen Struktur Reddit-ähnliche Inhalte produzieren und über Philosophie debattieren, hat nichts mit Intelligenz oder Bewusstsein zu tun. Moltbook verdeutlicht nur, wie gut generative KI Muster erkennen und replizieren kann.

Dennoch ist Moltbook fraglos interessant und wichtig. Zum einen dient das soziale Experiment als Rorschach-Test. Menschen sehen das agentische Netzwerk und ziehen vollkommen gegensätzliche Schlüsse, von Belustigung bis Weltuntergang. Auch im Jahr drei nach Chat-GPT schreiben viele Leute, die es besser wissen sollten, KI menschliche Eigenschaften zu, wenn die Modelle menschliches Verhalten nachahmen. Diese Neigung zeigte sich bereits in den 1960er-Jahren an den Reaktionen auf das Computerprogramm Eliza. Je leistungsfähiger Sprachmodelle werden, desto mehr Menschen werden sie fälschlicherweise für lebendig halten.

Zum anderen zeigt Moltbook, dass Maschinen gar kein Bewusstsein benötigen, um Menschen zu täuschen und großen Schaden anzurichten. Technisch beruhen die Bots, die das Netzwerk bevölkern, auf einer Software des österreichischen Entwicklers Peter Steinberger. Wer den Bot aufsetzt, gibt dem KI-Modell weitreichende Zugriffsrechte auf den eigenen Rechner oder das Smartphone, Dokumente, E-Mails, Server und das Netz.

Bereits jetzt häufen sich die Berichte über ungeschützte Datenbanken und katastrophale Sicherheitsrisiken. Selbst wenn man die Software auf einem neuen Mac Mini installiert, hinterlegt man oft sensible Zugangsdaten oder ermöglicht es Angreifern, die KI mit unsichtbaren Befehlen zu manipulieren. Simon Willison hat dafür vergangenes Jahr den Begriff der „tödlichen Trifecta“ geprägt und schreibt, er habe sich bisher nicht getraut, das KI-Netzwerk selbst zu installieren. Die meisten Menschen sollten sich ein Beispiel an ihm nehmen.

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