SZ 28.12.2025
13:53 Uhr

Skispringerin Katharina Schmid: Die Pionierin hört auf


Katharina Schmid bereitete dem Skispringen der Frauen den Weg, gewann sieben Weltmeistertitel, erlebte viele Premieren des Sports. Am Saisonende tritt sie zurück – und könnte ausgerechnet die erste Vierschanzentournee der Frauen verpassen.

Skispringerin Katharina Schmid: Die Pionierin hört auf
„Ich bin dankbar, dass ich das Privileg hatte, mit diesem Sport zu wachsen“: Katharina Schmid kündigt am Samstag ihren Rücktritt zum Saisonende an. (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Katharina Schmid machte es sich am Samstagabend in einem Hotel in Fischen im Allgäu bequem, in angemessen feierlicher Umgebung. Links neben ihr der Christbaum samt nebendran drapierten Engeln aus Birkenholz, rechts ein grauer Sessel mit Leselampe. Wohnzimmer-Gemütlichkeit. Ob gewollt oder nicht: Die Symbolik passte. Schmid, 29, die Rekordweltmeisterin, die erfolgreichste aktive deutsche Skispringerin, hat dort nach 15 Jahren im Leistungssport ihren Rücktritt zum Saisonende bekannt gegeben. Nur ein paar Kilometer von ihrer Heimatstadt Oberstdorf entfernt, von wo aus sich diese 1,57 Meter große Frau mit der fröhlichen Ausstrahlung aufgemacht hatte zu einer Reise zum Mond.

Nichts anderes war das Frauen-Skispringen damals, als sie begann: fast unbekanntes Terrain. 2009 gab es die erste Weltmeisterschaft, die Schmid als 13-Jährige naturgemäß noch verpasste. 2011 war sie beim ersten Weltcup für Skispringerinnen dabei, inklusive Zahnspange, 2014 dann bei der Olympiapremiere in Sotschi, später bei den ersten Springen von einer Großschanze und schließlich beim Skifliegen. In Fischen sagte sie: „Ich durfte bei so vielen ersten Malen dabei sein. Ich bin mega, mega dankbar, dass ich das Privileg hatte, in diesem Sport groß zu werden, mit diesem Sport zu wachsen.“

Wer springt bei der Vierschanzentournee um den Sieg mit? Ist der Anzug immer noch das große Thema? Und kehren die Russen zurück? Die wichtigsten Fragen und Antworten vor dem Start in Oberstdorf.

Schmid hat immer dafür gekämpft, dass Frauen sichtbarer werden in ihrem Sport, dass sie mehr Aufmerksamkeit bekommen, gerechter bezahlt werden. In diesem Sinne war sie auch eine Vorspringerin für all die anderen. Seit 2023 gibt es parallel zur Vierschanzentournee der Männer die Two-Nights-Tour der Frauen mit den Stationen in Garmisch-Partenkirchen (31. Dezember) und Oberstdorf (1. Januar), in der kommenden Saison könnte es erstmals auch eine Vierschanzentournee der Frauen geben. Ausgerechnet für Schmid käme sie zu spät. Nach der Two-Nights-Tour, dem Weltcupwinter und den Winterspielen in den italienischen Alpen hat sie genug.

Sie hat ihren Frieden geschlossen mit den Winterspielen von Peking 2022, wo sie mit dem deutschen Mixed-Team wegen ihres zu großen Anzugs disqualifiziert worden war. Dies „war das Härteste, was ich einstecken musste“. Sie hadert auch nicht mit ihrem noch fehlenden Olympiagold. Oder damit, dass ihr bisher beim Skifliegen noch kein Satz über die magische 200-Meter-Marke gelungen ist – dazu hat sie in Norwegen und Slowenien im Frühjahr noch eine letzte Chance.

„Ich habe gemerkt, dass ich zufrieden bin mit dem, was ich habe. Und ich habe gemerkt, dass es noch viel mehr gibt außer diesem Sport, was ich erleben möchte“, hat Schmid nun mit stockender Stimme und ein paar Tränen in den Augen gesagt. „Ich habe mir mein Drumherum mit Familie, meinem Mann, meinem Freundeskreis gebastelt.“

In der Corona-Krise nähte die Springerin des SC Oberstdorf Atemschutzmasken für Rettungskräfte und Ärzte, sie kümmert sich in ihrer Freizeit gerne um Tiere und macht Coachings mithilfe von Pferden. 2023 heiratete sie ihren Lebensgefährten Patrick, den Bruder des Kombinierers Julian Schmid. Sie haben sich ihr Nest gebaut in Oberstdorf, Katharina Schmid hat oft betont, gerne Familie haben zu wollen – was mit den Mühen im Weltcupzirkus kaum vereinbar ist.

Nach bislang 263 Weltcupstarts und 19 Siegen, vier Olympiateilnahmen mit zweimal Silber und sieben WM-Titeln habe sie „schon im Sommer gemerkt, dass es mir nicht leichtfällt mit der ganzen Materialumstellung, mit den Trainings, dort immer wieder Vollgas zu geben. Ich wollte nie einfach nur dabei sein, sondern ganz vorn mitspringen können. Und ich habe gemerkt, dass es auch bei mir da eine Grenze gibt“, sagte Schmid.

Gleichzeitig hat sie Grenzen verschoben. Als eine der Pionierinnen half sie dabei, ihren Sport auf die Landkarte zu setzen. „Sie hat einen ganz großen Teil zur Entwicklung des Frauen-Skispringens beigetragen“, sagte ihre Teamkollegin Agnes Reisch am Samstagabend bei der Kinopremiere der ARD-Dokumentation „Fly – Skispringen hautnah“ im Oberstdorfer Kino, in der Schmid und Reisch auch Protagonistinnen sind.

Katharina Schmid möchte die Saison jetzt noch genießen, Höhepunkt reiht sich an Höhepunkt. Und wer weiß, vielleicht gelingt ihr doch noch einmal der ganz große Sprung. Danach kann sie sich vorstellen, als Jugendtrainerin ihr Wissen weiterzugeben.

Doch erst einmal sei sie „froh, bald einfach zu Hause zu sein“. Es war ja auch eine lange Reise, 15 Jahre exakt, bis zum Mond und zurück.

Stefan Horngacher gilt als Analytiker mit viel Skisprungwissen. Vor seiner letzten Vierschanzentournee als Bundestrainer geht es um die Frage, ob seine Arbeit auch zu großen Erfolgen führt.

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