SZ 26.01.2026
12:33 Uhr

Seahawks im Super Bowl: Richtige Zeit, richtiger Ort


Die Seattle Seahawks, vor der Saison nicht als Top-Team eingestuft, erreichen den Super Bowl gegen die New England Patriots. Im Zentrum steht Quarterback Sam Darnold, der im entscheidenden Moment seine beste Partie zeigt.

Seahawks im Super Bowl: Richtige Zeit, richtiger Ort
„Plötzlich bist du da, wo du dich wohlfühlst“: Sam Darnold, Quarterback der Seattle Seahawks, ist der Mann des Spiels – mit 346 Yards Raumgewinn, ohne Ballverlust. (Foto: Lindsey Wasson/AP)

„Wer bitte schön hatte das auf der Bingo-Karte?“, fragte Tom Brady, als er in seiner Rolle als Experte das Geschehen am Sonntagabend für die TV-Footballfans einzuordnen versuchte: Die Seattle Seahawks hatten den Ball kurz vor der Endzone der Los Angeles Rams – und Brady, erfolgreichster Quarterback der Geschichte, fragte die 60 Millionen Livezuschauer, ob auch nur einer vor der Saison diesen Spielzug prophezeit habe, der den Einzug der Seahawks in den Super Bowl bedeutete. Den entscheidenden Pass warf Quarterback Sam Darnold, im achten Profijahr beim fünften Verein, vor drei Jahren in San Francisco gar als Bankdrücker gedemütigt. Der Ball fand Jake Bobo, der mit diesem Fang in der Endzone seinen erst vierten der Saison inklusive Playoffs schaffte. „Um den Einzug in den Super Bowl: Bobo von Darnold“, fasste Brady den Spielzug erstaunt und knapp zusammen.

31:27 hieß es am Ende für die Seahawks, vor der Saison war es laut Wettquoten wahrscheinlicher, dass 18 der 32 NFL-Teams eher in den Super Bowl einziehen als das Team von der Westküste. Erst im Herbst war dessen Quarterback Darnold seinem Image als Gunslinger gerecht geworden: als Pistolero, der an guten Tagen mit einem Wurf aus der Hüfte einen Kollegen in 70 Yards Entfernung bedient – und an schlechten die Präzision einer Schrotflinte hat. 14 verschuldete Ballverluste in 17 Spielen waren der schlechteste Wert der Liga. Aber: Seattle gewann die Spiele oft trotzdem mit ein, zwei, drei Pünktchen mehr als der Gegner, 38:37 gegen die Los Angeles Rams Mitte Dezember zum Beispiel. Die Seahawks schafften trotz Darnolds Fehlwürfen 51 Touchdowns, drei pro Partie also. Am Ende standen sie auf Platz eins der Setzliste, aber keiner konnte so recht sagen, wie in aller Welt das passieren konnte.

Broncos-Quarterback Jarrett Stidham war in dieser Saison bei vier Spielzügen auf dem Spielfeld, er hat bislang keinen einzigen Pass geworfen – und soll sein Team nun in den Super Bowl führen.

Gegen die Los Angeles Rams lieferte Darnold dann aber, wie Brady ihm attestierte, „die beste Leistung des Lebens im wichtigsten Moment“. 346 Yards Raumgewinn schaffte er mit seinen Würfen, davon 153 auf Receiver Jaxon Smith-Njigba. Der fing einen Touchdown – genau wie Passempfänger Cooper Kupp und der erwähnte Bobo. Darnold unterlief übrigens kein Ballverlust. Und während der Partie wurden wie so häufig bei Seahawks-Playoff-Spektakeln der Vergangenheit rund ums Stadion Dezibelwerte im Düsenjet-Bereich gemessen.

Der Grund, warum die Seahawks zum ersten Mal seit 2015 im NFL-Finale stehen, offenbarte sich in diesem Spiel. Darnold hat in Kupp und Smith-Njigba zwei der besten Passfänger der Liga in seinem Team, und beide sind im richtigen Moment in Bestform. Kupp wurde in der Saison 2022, damals noch in Diensten der Rams, schon einmal zum wertvollsten Spieler des Super Bowl gewählt. Dazu kommt die Vielzweckwaffe Kenneth Walker, der gegen Los Angeles 62 Yards auf dem Boden schaffte und 49 Yards mit vier gefangenen Pässen. Darnold steht für Aufmerksamkeit und Beweglichkeit in der sogenannten Pocket, also innerhalb des Bereichs, den die Offensivlinie möglichst lange beschützen soll, damit der Quarterback Zeit zur Orientierung hat und sich die Anspielstationen freilaufen können. „Das ist schon eine besondere Truppe, auch wenn es sich natürlich wie ein Klischee anhört“, sagte Darnold.

Als Super-Bowl-Quarterback wird Darnold bis zum Endspiel am 8. Februar noch häufig die Frage beantworten müssen, wie das passieren konnte, dass ausgerechnet er jetzt das Talent zeigt, das die New York Jets schon 2018 in ihm sahen. Die hatten ihn damals beim Draft als dritten Spieler des Jahrgangs geholt. Am Sonntag war seine Antwort: „Da habe ich noch gar nicht so viel nachgedacht, außer: Es fühlt sich richtig an. Richtige Zeit, richtiger Ort.“ Er wird damit zum Symbol dafür, wie wenig Einfluss NFL-Profis auf das für sie perfekte Umfeld haben. Denn zu den Seattle Seahawks war er vor dieser Saison nur gekommen, weil er vergangene Spielzeit bei den Minnesota Vikings den verletzten J.J. McCarthy grandios vertreten hatte – Minnesota aber nach dessen Rückkehr wieder auf ihn setzen wollte. „So ist das“, sagte Darnold schulterzuckend: „Dann geht man damit um, und plötzlich bist du da, wo du dich wohlfühlst.“ Und plötzlich liefert er die beste Partie seines Lebens, als es um den Super Bowl ging.

Die Seahawks sind am 9. Februar in San Francisco sogar favorisiert gegen die New England Patriots – vor der Saison von den Buchmachern noch schwächer eingeschätzt als Seattle, und Gegner im letzten Seahawks-Endspiel 2015. In Erinnerung geblieben ist der Moment am Ende: Der bis dahin unbekannte Patriots-Ersatzverteidiger Malcolm Butler entschied die Partie mit einer Interception auf der Torlinie. Das hatte damals auch keiner auf der Bingo-Karte. Tom Brady war damals Patriots-Quarterback, er sah: Der Erfolgreichste der Geschichte wird man nicht nur mit eigenen Heldentaten.

Mittlerweile ist Brady ein Füllhorn voller Weisheiten zum Thema, wie es sich anfühlt, vor 120 Millionen Amerikanern die tollste Leistung zu zeigen. Er hatte die New England Patriots 2020 verlassen, ein Jahr später holte er mit Tampa Bay noch einen Titel als Beweis, es auch ohne die Patriots und Trainer Bill Belichick zu schaffen. Dass die Patriots schon wieder im Endspiel sind, dass Jung-Quarterback Drake Maye nach dem wilden 10:7 im Schnee von Denver und seinem mutigen Touchdown-Lauf von einer „neuen Ära“ sprach: Auch das war sicher nicht auf der Bingo-Liste von Brady.

Amon-Ra St. Brown toppt in seiner fünften Saison als Footballprofi einen Fangquoten-Rekord. Der einst Unterschätzte ist jetzt der Wide Receiver, der Detroit zur ersten Super-Bowl-Teilnahme führen soll.

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