|
28.01.2026
14:54 Uhr
|
Hackerangriffe, Cyberspionage, Eingriffe in die Infrastruktur: Kaum ein Tag vergeht ohne Attacke, oftmals unbemerkt. Kliniken sind darauf schlecht vorbereitet - das liegt auch am Frieden der letzten Jahrzehnte.

Kliniken in anderen Ländern sind deutlich besser auf Bedrohungslagen und Kriege vorbereitet als Deutschland. (Foto: Maurizio Gambarini/picture alliance)
Natürlich geht es hier auch um den Bündnisfall, etwa wenn ein Nato-Mitgliedsland angegriffen wird. Es geht um den Verteidigungsfall, falls Deutschland militärisch bedroht wird. Aber es gibt, das macht das Jens Scholz klar, der Vorsitzende des Verbands der Universitätsklinika Deutschland, ja schon jetzt Angriffe, ob auf die Stromversorgung, die Wasserversorgung, die IT von Kliniken – oder wie im September 2025 in Schleswig-Holstein.
Nachts wurden Drohnen gesichtet, auch über dem Universitätsklinikum Kiel. Was ist zu tun, wer ist überhaupt zuständig? Alles war unklar. Scholz sitzt auf der Bühne des Safety Camps in Augsburg und sagt: „Wir wissen bis heute nicht, wo die Drohne überhaupt herkam.“
Das Universitätsklinikum Augsburg hat Vertreter aus Politik, Industrie und Medizin zum ersten deutschen Safety Camp eingeladen, um über Sicherheit im deutschen Gesundheitswesen zu sprechen. Über Patientensicherheit, über Fehlerkultur. Aber über allem schwebt die Frage, wie umzugehen ist mit der neuen geopolitischen Lage. „Wir haben derzeit schwierige Rahmenbedingungen“, sagt Klaus Markstaller, Ärztlicher Direktor am Uniklinikum Augsburg. „Jeden Tag wird attackiert, die geopolitische Lage erfordert es, dass wir uns Gedanken machen müssen über Krisenresilienz für den Bündnisfall oder den Verteidigungsfall.“
Von Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.
Schon gleich zum Start der Veranstaltung aber wird klar: Deutschland muss vieles aufholen, auch im Vergleich zu anderen Ländern. „Leider haben wir in der Vergangenheit nichts getan“, sagt Scholz.
Er zählt einige Beispiele auf, die zeigen, wie wenig das deutsche Gesundheitssystem auf Krisen und Katastrophen vorbereitet ist. Einen Stromausfall wie in Berlin, argumentiert der Professor für Intensivmedizin, könne man mit einem Notstromaggregat auffangen – aber nur für kurze Zeit und nur für Notfälle. Was, wenn die Infrastruktur flächendeckend angegriffen wird? Während der Corona-Pandemie habe man gesehen, wie schwierig es sei, ausreichend Arzneimittel bereitzuhalten. Und: Andere Länder wie Israel oder die Niederlande verfügten im Gegensatz zur Bundesrepublik über unterirdische medizinische Einrichtungen mit Operationssälen, wo Patienten auch bei Angriffen versorgt werden können.
„Wir leben so lange im Frieden, dass wir viele Kriegsverletzungen gar nicht kennen“, sagt Scholz. Im Bündnisfall müsse Deutschland, als zentraleuropäisches Land und damit als Drehscheibe für die Versorgung, mit bis zu 1000 Kriegsverletzten pro Tag rechnen. Zu diesem Schluss kommt unter anderem eine Studie der Deutschen Krankenhausgesellschaft, vorgestellt im vergangenen Herbst. Die Anzahl verfügbarer Betten sowie Qualifikation der Mitarbeiter in Katastrophenmedizin reichten nicht aus, heißt es darin. Konzepte für den Verteidigungsfall gebe es erst in etwa einem Viertel aller deutschen Kliniken.
Die Studie rechnet mit Investitionen von 2,7 Milliarden Euro, um auf Cyberangriffe und Sabotage vorbereitet zu sein. Um das Gesundheitssystem für einen Bündnisfall fit zu machen, wären knapp fünf Milliarden Euro nötig, für den Verteidigungsfall 15 Milliarden – Betriebskosten nicht eingerechnet.
Dass deutsche Krankenhäuser aktuell andere Probleme und großen Reformbedarf haben, ist allen Experten bewusst. Dennoch, dafür plädiert auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft, müssten Konzepte für die Krisenresilienz des Gesundheitssystems in die Krankenhausreform einfließen, damit später keine doppelten Kosten entstehen – und dafür auch Geld aus dem Sondervermögen für die Verteidigung genutzt werden.
Judith Gerlach, bayerische Gesundheitsministerin, fordert auf der Bühne des Safety Camps einen „Krisengipfel zur Resilienz im Gesundheitswesen“. Es benötige ein Gremium, das beständig bespreche, welche Ressourcen es brauche und wie im Krisenfall koordiniert werde. In Bayern würden dieses Jahr Gesundheitsämter in Krisenmanagement geschult. Um Schutzausrüstung auf dem neusten Stand zu halten, werde ein rollierendes System aufgebaut. Ihr Ministerium spreche derzeit mit dem Roten Kreuz über Pflegeunterstützungskräfte, die im Ernstfall mit zur Hand gehen könnten. Um auf Krisen vorbereitet zu sein, betont Gerlach, müssten auch Interessengruppen aus der Privatwirtschaft, insbesondere Hausärzte und Apotheker, in Planungen einbezogen werden.
Für all dies kann auch Bayern von Israel lernen. Die Vorbereitung auf einen Angriff, sei es auf Krieg, Terror- oder Cyberattacken, sei nicht optional, sagt Ronni Gamzu, ehemaliger Vorstand des Tel Aviv Medical Center und Generaldirektor des israelischen Gesundheitsministeriums. Beim Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 habe es an einem Tag 5000 Verwundete gegeben. „Wir haben sie gut versorgt, weil wir vorbereitet waren.“
Israel habe über die Jahre klare Kommandostrukturen aufgebaut, alle Mitarbeiter würden regelmäßig für den Kriegsfall geschult, Lieferketten seien krisenfest. Und Krankenhäuser haben unterirdische Räume, um Patienten auch bei Angriffen zu versorgen. Als Lehre aus dem zweiten Golfkrieg nutzen Krankenhäuser in Israel Tiefgaragen in Friedenszeiten als Tiefgaragen. Im Ernstfall verwandeln sie sich innerhalb kürzester Zeit in Schutzbunker, sind also so gebaut, dass das gesamte Krankenhaus evakuiert werden und unterirdisch weiter betrieben kann – selbst bei chemischer Kampfstoffeinwirkung.
Trotzdem könne nicht alles, was Israel mache, als Blaupause dienen, sagt Johannes Backus, Kommandeur des Kommandos Gesundheitsversorgung der Bundeswehr. Israel befinde sich seit Jahrzehnten im Überlebenskampf, Deutschland sei nach einer langen Phase des Friedens inzwischen in einer hybriden Bedrohungslage angekommen, mit täglichen Hackerangriffe, Cyber- und Industriespionage, Eingriffen in die Infrastruktur. In den nächsten Monaten, da ist sich Backus mit Bayerns Gesundheitsministerin Gerlach einig, komme es in der Bundesrepublik vor allem darauf an, Bund und Länder zu koordinieren.
Zivilmilitärische Zusammenarbeit gebe es in Deutschland schon lange, etwa bei Wetterkatastrophen. „Wir haben ganz gute Konzepte“, sagt Backus. Am Ende gelte es, die Abschreckung aus der Zeit des Kalten Krieges wiederzubeleben, damit es gar nicht zu einem Bündnis- oder Verteidigungsfall komme, etwa im Baltikum. „Je besser wir uns vorbereiten, desto wahrscheinlicher ist es, dass der Ernstfall gar nicht eintritt.“
Der OB-Kandidat der SPD in Selb hat ungewöhnliche Pläne zur Rettung des Krankenhauses. Aber nicht alle sind begeistert.
Lesen Sie mehr zum Thema
In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.
Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien
Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: