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08.12.2025
19:27 Uhr
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Der türkische Präsident Erdoğan erfreut sich großer Beliebtheit. Nicht in seinem Land, aber auf der Weltbühne. Am Montag bekam er Besuch vom ungarischen Premier Orbán. Der dankte dem Gastgeber für nichts weniger als die Rettung Europas.

Recep Tayyip Erdoğan hat zuletzt viele Komplimente bekommen, eigentlich immer, wenn er andere Staats- oder Regierungschefs traf. Der türkische Präsident sei „ein wichtiger Akteur“ in „fast allen außenpolitischen Fragen“, sagte Friedrich Merz, als er im Oktober in Ankara war. Ohne die Türkei, so der Kanzler, wäre der Waffenstillstand in Gaza „nicht möglich gewesen“. Donald Trump nannte Erdoğan, als er ihn im Weißen Haus empfing, einen „hoch respektierten Mann“, einen „guten Freund“ sowieso. Der US-Präsident sieht in dem Türken ein Vorbild darin, wie man regiert.
Erdoğan, der Freund. Das war früher nicht immer seine Rolle auf der Weltbühne. Inzwischen bezeichnen ihn sowohl Wolodomir Selenskij als auch Wladimir Putin als einen solchen. Zwei, die sonst nicht viele gemeinsame Freunde haben.
An diesem Montag kam einer nach Istanbul, der sich, so scheint es, vorgenommen hatte, der beste aller guten Freunde zu werden. Erdoğan empfing Viktor Orbán, den ungarischen Premierminister, zu einem Treffen eines Klubs, der sich „Türkiye–Hungary High-Level Strategic Cooperation Council“ nennt, kurz HLSCC, fünf Buchstaben, die außerhalb des HLSCC eher wenige Menschen kennen dürften.
Aber darum ging es auch eher nur der Form halber. Da trafen sich zwei, die sich bei allen Unterschieden bestens verstehen, was einiges darüber erzählt, wie sich die Welt verändert hat. Viktor Orbán, der Mann, der von Geflüchteten einmal als „muslimische Invasoren“ sprach, und daneben ein türkischer Staatschef, der bei jeder Gelegenheit vor der „Islamophobie“ in Europa warnt und sich seit Jahren als Schutzherr der Muslime weltweit sieht. Ein Konflikt? Offenbar gar nicht.
Für Orbán war es dieses Jahr schon die zweite Türkeireise, im Frühling nahm er am „Antalya Diplomacy Forum“ teil, einer türkischen Sicherheitskonferenz. Da stand er auf einem Rasen in der mediterranen Sonne und sprach von der Türkei als „zentralem Partner“ gegen eine Europäische Union, „die das ungarische Volk brechen“ wolle, und auch gegen „die feindlichen Aktionen der Ukraine“. Was Orbán meinte, war, dass die Ukraine kein russisches Gas mehr in Richtung Ungarn durchlässt.
Das, so der Premier, komme nun eben aus dem Süden, über die TurkStream-Pipeline. Nur dank der Türkei sei die Energiesicherheit der Ungarn garantiert. Damit war im Prinzip der Ton gesetzt, an den Orbán nun am Montag in Istanbul anschloss: ein Dank an Erdoğan, gefolgt von einem weiteren Dank und noch einem.
Draußen, vor dem Dolmabahçe-Palast, fiel der Regen auf den Bosporus, drinnen unterschrieben türkische und ungarische Minister einige Abkommen zu Handel und Infrastruktur, zum Applaus ihrer Chefs. Erdoğan grüßte die „freundlichen Ungarn“ und sagte, dass er sich über die „strategische Kooperation“ freue und über die Zusammenarbeit für Frieden in der Ukraine.
Immerhin sind es in der Nato die beiden, Erdoğan und Orbán, die neben Trump noch einen Draht nach Moskau haben. Der Ungar war erst kürzlich wieder im Kreml zu Gast. Erdoğan, der im Gegensatz zu Orbán allerdings auch das Verhältnis zur Ukraine pflegt, sagte nun den Satz: „Ein fairer Frieden kennt keine Verlierer. Der Krieg kennt keine Gewinner.“
Der türkische Präsident sieht in Orbán keinen ideologischen Freund. Wenn auch jemanden, der den liberalen Westen ebenfalls skeptisch sieht, genauso wie die Idee einer Opposition. In erster Linie aber ist der ungarische Premierminister jemand, der Erdoğan innerhalb der EU und der Nato nützlich sein kann. Ungarn war es, das neben der Türkei für lange Zeit einen schwedischen Nato-Beitritt blockierte. Er sei sicher, sagte Erdoğan am Montag, dass Ungarn auch eine türkische EU-Mitgliedschaft unterstützen werde.
Und dann fing Orbán an zu reden, als wollte er sich um die türkische Staatsangehörigkeit bewerben. Er sehe Erdoğan zum 32. Mal, so der ungarische Premier. Sein Volk sei in Europa „auf sich allein gestellt“, die Ungarn gehörten weder zur germanischen Sphäre noch zur slawischen oder zur romanischen. „Unsere Verwandten“, sagte Orbán, „sind im Osten“. Eine Anspielung auf die Vorfahren des ungarischen Volkes.
Gemeinsam mit der Türkei fange „eine neue Zeit an“, Erdoğan habe Ungarn zur Organisation der Turkstaaten eingeladen. Der türkische Präsident sei „der einzige erfolgreiche Vermittler“ zwischen und Ukraine und Russland, und derjenige, der Europa vor weiterer Migration „beschützt“. Ohne Erdoğan, sagte Orbán, wäre „Europa heute ein unbewohnbarer Ort“. Auf der Suche nach einer weiteren Metapher fiel ihm ein „Pool“ ein, in dem man „in Migration schwimme“ – ein solches Schwimmbecken wäre Europa heute, hätte Erdoğan den Kontinent nicht davor bewahrt.
Draußen, über dem Bosporus, war es dunkel geworden. „Möge Gott“, sagte Orbán, „die Türken beschützen“. Besonders wohl den einen.
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