SZ 18.01.2026
16:32 Uhr

Nächster Sieg für Skifahrerin Aicher: Schneller als der Rest der Welt


Emma Aicher gewinnt ihr viertes Weltcup-Rennen, den Super-G von Tarvisio. Ihr Aufstieg beflügelt auch Kira Weidle-Winkelmann, die Zweite in der Abfahrt wird. Über die neue alpine Doppelspitze.

Nächster Sieg für Skifahrerin Aicher: Schneller als der Rest der Welt
Weltcupsieg in Tarvisio: Emma Aicher auf dem flottesten Weg nach unten. (Foto: Millo Moravski/Zoom/Getty)

Kranjska Gora, Zauchensee, Flachau, Tarvisio: Achtzehn Tage ist das Jahr erst alt, und schon sind die Skirennfahrerinnen wieder kreuz und quer durch die Alpen gezogen. Sechs Rennen in drei Ländern an vier verschiedenen Weltcup-Orten, einschließlich Trainingsfahrten. Zeit zum Luftholen, findet der deutsche Cheftrainer, und hat Emma Aicher deshalb eine Pause vor Olympia vorgeschlagen: genauer gesagt, einen Trainingsblock noch vor den Spielen, um zur Ruhe zu kommen – und um den Riesentorlaufschwung zu verbessern. „Man kann nicht von einer 22-Jährigen verlangen, dass sie alle Disziplinen top fährt“, hatte Andreas Puelacher vor einer Woche gesagt. Was aber nicht heißt, dass Emma Aicher nicht trotzdem schneller als der Rest der Welt um die Kurven carvt.

Am Sonntagmittag hat sie den Super-G in Tarvisio gewonnen: Zwischen den weit gesteckten Toren fand Aicher die beste Linie, sie flog nach dem Schlusssprung förmlich in Ziel. Auch die zuletzt so überragende US-Rückkehrerin Lindsey Vonn, die im Alter von 41 Jahren ihre Liebe zur Hochgeschwindigkeit neu entdeckt hat, kam als Zweite mit 0,27 Sekunden Rückstand nicht an die phänomenale Laufzeit heran. „Ich bin mit der Fahrt ganz zufrieden“, sagte Emma Aicher gewohnt entspannt, als sie vor den Kameras die ersten Glückwünsche entgegennahm: „Ich hab’s von oben bis unten sehr gut runtergetroffen.“ Große Reden entsprechen eher nicht ihrem Naturell, so wenig wie spontane Siegestänzchen in Skischuhen.

Mit 41 Jahren führt Lindsey Vonn die Ski-Weltcupwertung in der Abfahrt an. Obwohl sie angeblich noch nicht einmal am Limit fährt. Über das Understatement einer Olympiafavoritin.

Das muss auch nicht sein, weil ihre Bilanz auf den Pisten inzwischen Bände spricht. Vier Weltcuprennen hat sie für sich entschieden, drei davon in diesem Winter: die Abfahrt von St. Moritz sowie die Super-G-Rennen in La Thuile und nun Tarvisio. Weil noch zwei dritte Plätze in den Spezialslaloms von Levi und Courchevel dazukommen und sie in der Gesamt-Weltcupwertung auf Platz drei liegt, ist zu beobachten, dass im Deutschen Skiverband (DSV) die Zuversicht vor den Winterspielen in Cortina d’Ampezzo steigt. Emma Aicher zählt jetzt in drei Disziplinen – Abfahrt, Super-G, Slalom – zu den Besten ihrer Zunft; dass sie nicht auch im Riesenslalom vorneweg fährt, wird die Konkurrenz womöglich mit Erleichterung registrieren.

Allerdings ist sie nicht die Einzige, in die der DSV Hoffnung setzt. Auch Kira Weidle-Winkelmann, eine Expertin für die schnellen Disziplinen, hat ihre Karriere im Alter von 29 Jahren noch einmal beschleunigen können. Am Samstag, als in Tarvisio die Abfahrt anstand, wurde sie Zweite – ebenfalls einen Platz vor Amerikas Speed-Queen Vonn.

Tatsächlich hatte Kira Weidle-Winkelmann in der Abfahrt sogar kurz vor dem Ziel die beste Zwischenzeit, dann wählte sie eine falsche Linie und verlor auf den letzten Metern jene Zehntelsekunden, die ihr zum Sieg vor der Italienerin Nicol Delago fehlten. Ähnliches passierte ihr am Sonntag im Super-G, als sie eine Passage „frech anfahren“ wollte, aber diese Frechheit zu viel Risiko bedeutete und sie mit 1,22 Sekunden Rückstand auf Aicher Achte wurde. Die Kollegin entschied sich in der Passage indes nicht für die freche, sondern die flotte, drehende Kurve. Für Kira Weidle-Winkelmann, die in dieser Saison schon Zweite in Val d’Isere gewesen ist, steht fest, dass „der Trend in die richtige Richtung“ geht.

Das ist wohl kein Zufall. Die DSV-Betreuer um Andreas Puelacher haben mit Interesse verfolgt, wie sich im Team der Rennfahrerinnen seit dem rasanten Formanstieg Emma Aichers gegen Ende der vergangenen Saison eine Verschiebung der Kräfte ergab. Groß war die Gruppe nie, die von Weltcup zu Weltcup kurvte: In den technischen Disziplinen galt Lena Dürr, 34, die WM-Dritte von 2023, als unanfechtbar, auf Abfahrtspisten holte lange keine DSV-Verfolgerin die schnelle Kira Weidle-Winkelmann ein. „Für uns als Trainer ist das natürlich schön, wenn es eine Zweite gibt“, sagt Andreas Puelacher lachend: „Es ist gut, wenn es so bleibt.“

Kira Weidle-Winkelmann hatte im letzten Jahr einen Winter des Missvergnügens erlebt, als sie stets gut im Training, aber zu langsam im Wettkampf war. Damals, so erzählte sie kürzlich in Zauchensee, glaubte sie nicht, dass der Aufstieg Emma Aichers Auswirkungen auf ihre Leistung entfalte. „Wenn du selbst relativ weit unten bist, dann stachelt dich das nicht unbedingt an. Ich dachte: Das ist cool für sie und cool fürs Team. Mir persönlich bringt das wenig.“ In dieser Saison nimmt sie Aicher im positiven Sinne als Konkurrentin wahr. „Ich bin wieder auf dem Weg zu alter Stärke, und da ist es schön, wenn man einander pushen kann.“ Die beiden sehen sich in den Hochgeschwindigkeitsrennen jetzt als „Doppelspitze“ im Team.

Für die Winterspiele in den Dolomiten ist auch Lena Dürr in den Slalom-Disziplinen nominiert, dann wird die Doppelspitze zum DSV-Dreigestirn. Noch ist der Ausblick auf die Februar-Rennen auf der Tofana aber nichts, das Emma Aicher um den Schlaf bringen könnte. „Bis Olympia ist es schon noch ein gutes Stück hin“, sagte die Siegerin von Tarvisio, als sie sich im Zielraum vor dem Mikrofon des ZDF zu ihren Chancen bei den Spielen äußern sollte. „Bis dahin konzentriere ich mich auf mein Skifahren, und dann werden wir es sehen, wenn wir da sind.“

Vorher wird aber wohl noch ein Trainingsblock mit Riesenslalomtoren eingeschoben. Kurvenfahren schadet nie.

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