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14.12.2025
13:07 Uhr
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Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs kamen 1990 Tausende Menschen zum Arbeiten. Hat das die Einheimischen den Job gekostet? Nein, sagt eine neue Studie – für einige wurden die Zeiten trotzdem schwieriger.

In Ostbayern sind viele Betriebe längst auf sie angewiesen: Menschen aus Tschechien. Sie arbeiten zum Beispiel in der Logistik, im Gesundheitswesen und im Tourismus, je nach Zählweise pendeln dazu täglich rund 22 000 Tschechinnen und Tschechen über die Grenze. „Ohne die“, beschrieb mal ein Hotelier aus dem Bayerischen Wald die Lage, „würden uns noch viel mehr Mitarbeiter fehlen“. Denn Arbeit gibt es genug, heute.
Und damals, als alles mit dem Pendeln anfing? Auch – das legt eine aktuelle Studie der Rockwool Foundation Berlin nahe, einem privaten Wirtschaftsforschungsinstitut: Demnach haben die ersten Grenzgänger, die mit dem Fall des Eisernen Vorhangs aus Tschechien nach Bayern kamen, hierzulande nur wenige Einheimische um ihre Jobs gebracht. Dennoch wurden für manche die Zeiten auf dem Arbeitsmarkt zunächst schwieriger.
Das klingt womöglich widersprüchlich. Wie sich Zuwanderung auf Arbeitsplätze und Löhne auswirke, sei zwar ein „zentrales Thema in öffentlichen und politischen Debatten“, heißt es auch in einer Zusammenfassung der Studie, die der SZ exklusiv vorliegt. Trotzdem liefere die Fachliteratur „eine große Bandbreite an Ergebnissen, die häufig eher Kontroversen auslösen als zur Klärung dieser beizutragen“. Daher legen die Autorinnen und Autoren den Fokus auf „ein einzigartiges natürliches Experiment“: das Ende der jahrzehntelangen Zwangsstille zwischen Bayern und Tschechien, die der Kalte Krieg verursacht hatte – und das gewissermaßen erste Massen-Einpendeln in die Oberpfalz und nach Niederbayern von 1990 an.
Damals wurde es den Tschechen erlaubt, bis zu 80 Kilometer weit in Deutschland zu arbeiten, nicht aber, dort auch zu wohnen. Bereits drei Jahre später waren in den bayerischen Grenzregionen rund 15 000 Grenzgänger beschäftigt; nicht ganz so viele wie heute also und doch eine nicht unerhebliche Zahl bei insgesamt 600 000 Arbeitsplätzen. Um die damit verbundenen Auswirkungen sichtbar machen und Erwerbsverläufe abbilden zu können, griff das Forschungsteam auf Sozialversicherungsdaten zurück. Und es entdeckte darin zwei unterschiedliche Entwicklungen.
Die eine: Wo der Anteil tschechischer Pendler an der Beschäftigung um einen Prozentpunkt stieg, erhöhte sich in den ersten drei Jahren die Wahrscheinlichkeit, dass ein Einheimischer seinen Job verlieren könnte, um nur 0,14 Prozentpunkte. Ein im wahrsten Sinne verschwindend geringer Effekt, nach fünf Jahren ließ er sich schon nicht mehr in den Daten nachweisen. Auch die Durchschnittslöhne blieben stabil.
Die andere Entwicklung fiel deutlicher aus: Die Zahl der einheimischen Beschäftigten in den Grenzregionen sank in den erste drei Jahren vergleichsweise stark um 0,87 Prozent. Dies sei aber nicht unbedingt darauf zurückzuführen, dass Einheimische ihren Arbeitsplatz verloren hätten – sondern auf einen „geringeren Zufluss einheimischer Arbeitskräfte aus anderen Regionen“. Die Tschechen konkurrierten also offenbar weniger mit den Ostbayern um Jobs, dafür mehr mit Menschen aus anderen Ecken des Freistaats und Deutschlands.
Die neue Bewegung auf dem Arbeitsmarkt ergab aber noch mehr Messbares. Beschäftigte ab 50 Jahren trugen ein größeres Risiko, arbeitslos zu werden. Wer schon ohne Stelle war, hatte es tendenziell schwerer, eine neue zu finden. Und Schulabgänger begannen häufiger eine Berufsausbildung, statt gleich das Arbeiten anzufangen. Das kann man so deuten, dass sich junge Menschen der Wettbewerbssituation bewusst wurden – und ihre Jobchancen durch eine höhere Qualifizierung zu steigern suchten.
Das Team der Rockwool Foundation Berlin sieht in ihrer Studie einen Hinweis darauf, dass Arbeitszuwanderung auf eine Region als Ganzes deutlich andere Folgen haben kann als für den einzelnen Menschen. So hätten sich in diesem Fall die Einheimischen als „überraschend widerstandsfähig“ erwiesen; nur wenige seien direkt aus ihren Jobs verdrängt worden. Dennoch hätten negative Effekte vor allem ältere Arbeitnehmer und Arbeitslose getroffen. „Eine kluge Arbeitsmarktpolitik müsste dies berücksichtigen“, sagt Studien- und Institutsleiter Christian Dustmann. „Bislang aber hat die Forschung diese Auswirkungen meist vermischt.“
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