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22.01.2026
05:46 Uhr
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Der US-Präsident verzichtet auf neue Strafzölle. Nach Tagen der Drohungen gibt er sich mit einer Einigung zufrieden, die seine Forderung nicht erfüllen dürfte. Was hat ihn dazu bewogen?

Es ist nicht das erste Mal, dass Donald Trump die Richtung ändert. Die Kehrtwende zu Grönland kommt dennoch überraschend. In den vergangenen Tagen hatte der US-Präsident die Rhetorik laufend verschärft. Am Wochenende kündigte er Strafzölle für europäische Länder an, die seinen Anspruch auf die Insel nicht anerkennen. Am Wochenende schrieb er dem norwegischen Premierminister Jonas Støre, er fühle sich nicht ausschließlich dem Frieden verpflichtet. Nato-Generalsekretär Mark Rutte schrieb er Anfang der Woche: „Es gibt kein Zurück.“
Grönland musste mit allem rechnen: Die Behörden empfahlen den Bürgerinnen und Bürgern, ihre Lebensmittelvorräte aufzustocken. Am Mittwochnachmittag tönte es plötzlich anders. In seiner Rede am Weltwirtschaftsforum in Davos blieb Trump zwar dabei, dass die USA Grönland annektieren wollten. Er sagte aber auch, er werde keine Gewalt anwenden. Am Abend gab er schließlich bekannt, dass er auch auf die Strafzölle verzichte.
Trump begründet diesen Schritt damit, dass er beim Treffen mit Rutte eine Einigung erzielt habe. Man habe sich auf einen Rahmen zu einem künftigen Deal über Grönland und die gesamte Arktis geeinigt, schrieb er auf seiner Plattform Truth Social. Diese Lösung werde gut für die USA und für alle Nato-Nationen sein. Was die Einigung beinhaltet, gab er nicht bekannt.
Nach Trumps eigenen Maßstäben wäre der Deal für ihn nur ein Erfolg, wenn Grönland künftig den USA gehörte. Alles andere als der Besitz von Grönland sei für ihn nicht akzeptabel, sagte er jüngst der New York Times. In seiner Davoser Rede argumentierte er, Grönland zu besitzen sei notwendig, um es zu verteidigen. Nach dem Gespräch mit Rutte scheint sich das geändert zu haben. Als er gefragt wurde, ob Grönland mit dieser Einigung nun den USA gehören werde, wich der US-Präsident aus. „Es ist ein wenig komplex“, sagte er dem TV-Sender CNBC.
Man darf davon ausgehen, dass Rutte ihm Grönland nicht versprochen hat. Dazu wäre der Nato-Generalsekretär nicht befugt, und er hatte vorher - wie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen - klargestellt, dass die Souveränität Grönlands nicht verhandelbar sei.
Der Plan dürfte eher beinhalten, dass die USA ihre militärische Präsenz in Grönland wieder erhöhen. Aktuell betreiben sie nur eine Militärbasis, die Pituffik Space Base, die früher Thule Air Base hieß. Weitere Basen aus früheren Jahrzehnten wurden stillgelegt. Doch die USA könnten ihre militärische Präsenz schon heute auf der Grundlage einer geltenden Vereinbarung erhöhen. Die Regierungen in Kopenhagen und Nuuk haben sich dafür auch offen gezeigt.
Die Einigung mit Rutte scheint demnach etwas Zusätzliches zu beinhalten. Dabei könnte es um den Status neuer Militärbasen gehen: Die New York Times und die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) berichten unter Berufung auf Nato-Kreise, im Verteidigungsbündnis sei diskutiert worden, das Territorium von Militärstützpunkten an die USA abzutreten. Laut der FAZ orientiert sich dieser Vorschlag am Vorbild der britischen Militärbasen auf Zypern. Dort verfüge London über zwei Luftwaffenstützpunkte, die zum britischen Staatsgebiet gehörten.
Der dänische Außenminister Lars Lokke Rasmussen schrieb am Abend auf der Plattform X, der Tag habe besser geendet als er begonnen habe. Die grönländische Politikerin Aaja Chemnitz reagierte dagegen empört auf den möglichen Deal. Die Nato habe kein Mandat, um über Grönland zu verhandeln, schrieb sie auf Facebook. „Nicht ohne uns, über uns.“
Stützpunkte in US-Besitz wären keine Annexion Grönlands, auch wenn Trump sagte, mit der Einigung bekomme die USA alles, was sie benötige. Waren die Drohungen in den vergangenen Tagen also bloß Teil seiner Verhandlungstaktik? Für Trump gehört es zum Spiel, mit steilen Forderungen einzusteigen und unberechenbar zu wirken.
Oder hat Europa mit einem zumindest punktuell entschiedenen Auftritt Trump dazu gezwungen, von seinen imperialistischen Plänen abzurücken? Europäische Staatschefs, allen voran Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, machten deutlich, dass auch sie über wirtschaftspolitische Instrumente verfügen - und dass sie willens sind, diese einzusetzen, selbst wenn das zu einem Handelskrieg führen würde.
Vielleicht spielte beides eine Rolle, und vielleicht kamen weitere Aspekte hinzu: Die Kurse an der Börse waren nach der Androhung neuer Zölle und möglicher Gegenmaßnahmen eingebrochen. Der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore zeigte sich gegenüber CNN überzeugt, dass das bei Trumps Kehrtwende eine wesentliche Rolle gespielt habe.
Allerdings ist nicht auszuschließen, dass der US-Präsident es sich schon morgen wieder anders überlegt. Für Europa dürfte die Erkenntnis bleiben, dass man sich auf die USA nicht mehr verlassen kann - und die Erkenntnis wachsen, dass daraus Konsequenzen zu ziehen sind.
Der kanadische Premierminister Mark Carney sprach in Davos über den Bruch in der Weltordnung. Er kritisierte die Großmächte und die Tendenz von Ländern, mitzuschwimmen und sich anzupassen, Ärger zu vermeiden, zu hoffen, dass Gefügigkeit Sicherheit erkaufe. „Nun, das wird sie nicht“, sagte er. Der Kanadier appellierte an die Staaten, gemeinsam zu handeln und eine neue Ordnung aufzubauen. „Denn wenn wir nicht am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte.“
Trump zeigte sich am Abend bei einem Treffen mit CEOs zufrieden mit dem Tag. Seine Rede sei sehr gut angekommen, sagte er vor laufenden Kameras. Normalerweise sagten die Leute, er sei eine „schreckliche, diktatorische Person“, stellte Trump fest und fuhr fort: „Aber manchmal braucht es einen Diktator.“
Der Anleihemarkt brachte Trump im April 2025 zum Umlenken. Auch jetzt lässt er von Zoll-Drohungen ab, nachdem die Runde machte, die Europäer könnten ihre US-Staatsanleihen verkaufen. Die Deutsche Bank geriet dabei zwischen die Fronten
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