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09.12.2025
16:21 Uhr
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Der Leiter des Ifo-Instituts hält die Reform für unnötig und teuer. Die Bundesregierung müsse eher eine andere Formel beherzigen – von Ex-Kanzler Gerhard Schröder.

Auch wenn der Bundestag erst vergangene Woche das Rentenpaket verabschiedet hat, geht die Debatte über Reformen der Altersvorsorge weiter. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas legte im Gespräch in der ARD direkt nach und sagte, sie fände den Vorschlag „ganz gut“, den Renteneintritt an die Anzahl der geleisteten Beitragsjahre zu koppeln. Wer also früh zu arbeiten beginnt, könnte früher in Rente gehen. Akademiker, die erst nach einem Studium in den Beruf einsteigen, müssten länger arbeiten. Damit löste die Arbeitsministerin erneut einen Streit über die Rente aus.
Clemens Fuest, Leiter des Ifo-Instituts, findet, der Vorschlag von Bas führe in eine falsche Richtung: „Wir müssen dahin kommen, dass Menschen in Deutschland länger erwerbstätig bleiben“, sagte er bei den Munich Economic Debates, einem Debattenformat des Instituts und der Süddeutschen Zeitung an diesem Montag. Der Vorschlag verstärke einen kontraproduktiven Verteilungskampf: „Jeder kann bei so einem Vorschlag Beispiele nennen von Personengruppen, die privilegiert erscheinen, weil sie früher in Rente können“, sagte Fuest.
Bas bezog sich in der ARD auf den Ökonomen Jens Südekum, der Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) berät. In einem Gespräch mit der Bild hatte er die Idee vorgebracht, ohne tiefer in die Details zu gehen. Grundsätzlich schlägt Südekum vor, dass jede Person eine gewisse Anzahl an Jahren in die Rentenkasse einzahlen soll. Derzeit gilt im Grundsatz ein reguläres Renteneintrittsalter von 66 Jahren, das 2031 auf 67 erhöht wird.
Fuest zufolge brauche es keine neue Rentenkommission: „Wir haben schon eine sehr gut durchdachte Rentenformel.“ Er schlägt unter anderem vor, den sogenannten Nachhaltigkeitsfaktor, der unter Gerhard Schröder 2004 eingeführt wurde, stärker zu berücksichtigen. Dieser macht Rentenerhöhungen davon abhängig, wie das Verhältnis von Rentnern zu Beitragszahlern ist. Steigt zum Beispiel die Anzahl der Rentner im Verhältnis zu Erwerbstätigen, fallen Rentenanpassungen geringer aus. „Wenn wir die Formel einfach in Ruhe lassen würden, würde es laufen“, sagte Fuest. Allerdings wenden Regierungen den Nachhaltigkeitsfaktor nicht mehr an, kritisiert der Ökonom.
Außerdem fordert Fuest, die „Rente ab 63“ von 2032 an abzuschaffen. Stattdessen solle man künftig das Eintrittsalter an die Lebenserwartung koppeln. Beide Vorschläge, also die Anwendung des Nachhaltigkeitsfaktors und des angepassten Eintrittsalters, hat das Ifo-Institut durchgerechnet. Demnach könne man langfristig den Anteil der Gesamtausgaben für die Rente am Bruttoinlandsprodukt um einen knappen Prozentpunkt senken. Denn darin besteht Fuest zufolge aktuell das Problem: Die Rente wird zu teuer.
Das vergangene Woche beschlossene Rentenpaket sieht vor, dass das gesetzliche Rentenniveau bis zum 1. Juli 2031 festgeschrieben bleiben soll. Der Nachhaltigkeitsfaktor bleibt bis 2031 außer Kraft. Das Ifo-Institut hat ausgerechnet, dass dadurch jedes Jahr enorme Mehrausgaben entstehen, im Jahr 2031 wären es knapp 16 Milliarden Euro. Mittelfristig steigen die Mehrausgaben sogar auf knapp 20 Milliarden Euro an. „Damit gerät der Bundeshaushalt in den nächsten Jahren in eine schwierige Lage“, sagte Fuest. „Und das in einer Zeit, in der ohnehin ein Bedarf an hohen Ausgaben für Verteidigung und Investition besteht. Das passt nicht zusammen.“
Das Argument, das Rentenpaket diene der Vermeidung von Altersarmut, überzeuge nicht: „Die Erhöhung der Rente ist proportional. Das meiste geht also an die oberen Renten.“ Darüber hinaus seien die Bruttorenten kein Indikator für Altersarmut oder Bedürftigkeit. Wenn man Altersarmut adressieren wollte, müsse man „das gesamte Einkommen der Menschen in den Blick nehmen“, sagte der Ökonom. Das aktuelle Rentenpaket sei daher eher eine Maßnahme, die „mit der Gießkanne“ Steuergelder verteile und somit Spielräume im Haushalt zerstöre.
Diese Spielräume im Haushalt werden künftig wohl auch kaum größer. Deutschlands Wirtschaft stagniert, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Deutschlands liegt dem Statistischen Bundesamt zufolge 2025 auf dem Niveau von 2019. Eigentlich sollte es 2026 wieder stärker bergauf gehen: Das Ifo-Institut prognostizierte für das kommende Jahr bisher 1,3 Prozent Zuwachs am BIP. „Leider hat sich die Lage in den vergangenen Wochen und Monaten verdüstert, sodass diese Prognose nicht zu halten ist“, sagte Fuest. Das Wachstum im kommenden Jahr werde daher „deutlich niedriger“ als 1,3 Prozent sein.
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