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08.12.2025
11:55 Uhr
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Der DOSB-Ethikbeauftragte Thomas de Maizière schildert bei der Mitgliederversammlung in Frankfurt, wie schlecht der organisierte Sport bisweilen gegen Machtmissbrauch vorgeht.

Thomas Weikert hatte noch eine Bestmarke zu verkünden. „Für mich war es die entspannteste Mitgliederversammlung“, sagte der DOSB-Präsident nach der Zusammenkunft seines Dachverbands am vergangenen Wochenende. In den vier Jahren seiner Präsidentschaft hatte Weikert sich schon mit anonymen Briefen konfrontiert gesehen, die ihm Fehlverhalten vorwarfen. Auch war ein Streit über die Summe entbrannt, mit der das DOSB-Präsidium künftig entlohnt werden soll. Und immer wieder Gegrummel über seine angebliche Führungsschwäche. Aber dieses Mal: Lauter „schöne Themen“, fand Weikert, insbesondere bei der deutschen Olympiabewerbung.
Bei so viel Friede, Freude, Olympia kann einem natürlich schon mal der Knatsch ums Sportfördergesetz entfallen. Oder dass der einstige Bundesinnenminister Thomas de Maizière die Feierstimmung während der Sitzung zumindest für ein paar Minuten zum Erliegen gebracht hatte.
Der Deutsche Olympische Sportbund feiert bei seiner Mitgliederversammlung seine Olympiabewerbung. Doch das wird vor allem vom Streit mit der Politik über das Sportfördergesetz überlagert.
De Maizière hat den Vorsitz der Ethikkommission des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) inne, als solcher müsse er nun mal „schwierige Punkte ansprechen“, sagte er in Frankfurt. Und davon hatten sich einige angesammelt. Man habe etwa einen sehr plausibel klingenden Hinweis entgegengenommen wegen „grob unangemessenen sexuellen Verhaltens und Übergriffen“. Dieser Hinweis richte sich gegen eine „im Sport sehr angesehene und überall geachtete Persönlichkeit“, sagte de Maizière. Der Vorgang liege 15 Jahre zurück, die Person sei aus allen Gremien des DOSB ausgeschieden. Trotzdem werfe der Vorfall ein fahles Licht.
Da die Person nicht mehr beim DOSB aktiv ist und es zum Zeitpunkt der Vorfälle kein probates Regelwerk gegeben habe, habe man den Vorgang zu den Akten legen müssen. „Das ist misslich“, sagte de Maizière. Wenn man ihn richtig verstand, habe der organisierte Sport Nachholbedarf dabei, sich einen Überblick über frühere Fälle zu verschaffen; oder auch ein Klima zu schaffen, das Opfern Gehör schenkt, Menschen im Jetzt sensibilisiert. „Gucken, was früher so war“, so bündelte der 71-Jährige seinen Arbeitsauftrag und fügte an: „Ich muss sagen, dass andere große Organisationen, Stichwort Kirche, dort vielleicht weiter sind.“
Ein zweiter Aspekt ließ sich mit der Überschrift versehen: Gucken, was heute so ist. Insgesamt 15 Vorwürfe seien im vergangenen Jahr an den DOSB und seine Ethiker herangetragen wurden, so de Maizière, zu den Themen: Missbrauch, Kindeswohlgefährdung, Nominierungsstreitigkeiten, Diskriminierung, Verbandsführung. Auch hier klang das meiste sehr plausibel, und wieder habe man den Betroffenen sagen müssen, dass die DOSB-Ethiker nicht zuständig seien, sondern die Fachverbände, in denen sich die Vorfälle ereignet haben sollen. Dort gebe es aber „überhaupt gar keine Struktur“, sagte de Maizière. Oder, schlimmer noch, die Betroffenen misstrauten den Strukturen, weil diese mit den Beschuldigten vernetzt sein könnten.
So sah sich der Jurist zu einer „dringenden Mahnung“ genötigt. Zwar können sich die 102 Mitgliedsverbände des DOSB seit zwei Jahren einer „Zentrale Hinweisstelle“ des Dachverbands anschließen. Dort können unabhängige Rechtsanwälte Vorwürfe prüfen, auch solche, die sich gegen Strukturen in Verbänden richteten. Dass sich derzeit nur 25 Verbände dieser Stelle angeschlossen haben, sei „vollständig unbefriedigend, nicht akzeptabel“, sagte de Maizière. So werde jedes Opfer im Sport derzeit nicht einmal auch nur angehört.
DOSB-Präsident Weikert fand diese Einlassungen „natürlich total richtig und gut“. Zugleich wies er, erstaunlicherweise, den Vorhalt zurück, dass das System im Sport in gewissen Punkten nicht funktioniere. Er verwies darauf, dass man auch bei den kommenden Winterspielen Hasskommentare, die auf Sportler im Netz einprasseln, bei Bedarf juristisch verfolgen werde. Auch unterhalten manche Sportverbände gewiss tadellose interne Strukturen. Der DOSB hat zudem vor einem Jahr, nach zähem Vorlauf, den „Safe Sport Code“ verabschiedet. Dieser verpflichtet Mitgliedsverbände dazu – allerdings mit einer Frist bis Ende 2028 –, jene Strukturen zu verankern, die laut de Maizière in manchen Verbänden fehlen.
Ein zentrales Problem des DOSB-Codes: Er belässt die Ethikstrukturen in den Fachverbänden, und diese sind, wie de Maizière eindrücklich schilderte, oft Teil des Problems. Abhilfe könnte ein Zentrum für Safe Sport schaffen, vom Bund gefördert, im „Frühjahr 2027“ soll die Trägergesellschaft gegründet werden, sagte Staatsministerin Christiane Schenderlein. Allerdings hatte Schenderlein zuletzt auch gesagt, sie setze darauf, dass sich die Sportverbände diesem freiwillig anschließen – und nicht, wie die Sportlervertretung Athleten Deutschland fordert, dass man Fördermittel nur an jene Verbände fließen lässt, die solch einer unabhängigen Prüfstelle beitreten. Dass diese Idee vielleicht keine ganz schlechte ist, daran erinnerte auch de Maizières Auftritt.
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