SZ 02.03.2026
15:15 Uhr

Krieg in Iran: „Bei den meisten Iranerinnen und Iranern im Exil überwiegt eindeutig die Freude“


Was macht der Angriff auf das Mullah-Regime mit jenen, die ihre Wurzeln in Iran haben? Viele in der Münchner Community bejubeln die Attacke, hegen Hoffnungen – aber es gibt auch Sorgen und Zweifel.

Krieg in Iran: „Bei den meisten Iranerinnen und Iranern im Exil überwiegt eindeutig die Freude“
Bei einer Kundgebung am Gärtnerplatz sind Fahnen von Iran, Israel und den USA zu sehen. (Foto: Matthias Balk/dpa)

Die Nachricht dieses historischen Ereignisses erreicht Farhid Habibi auf dem Gärtnerplatz. Der Vorsitzende des Vereins Munich Circle besucht dort gerade eine Kundgebung von Exil-Iranern, als unter den Teilnehmenden plötzlich frenetischer Jubel ausbricht. Anlass hierfür ist die Tötung Ali Chameneis, seit 1989 Irans oberster Führer.

Oder wie es Farhid Habibi, Mitgründer des Münchner Vereins ausdrückt, der kürzlich eine Demonstration mit weit über 100 000 Menschen auf der Theresienwiese organisiert hat: „Der Mann, der den Iran seit mehr als 30 Jahren in Geiselhaft genommen hat.“ Sein Tod sei ein „Wendepunkt in der Geschichte“, sagt Habibi, der seit Kriegsbeginn in Iran kaum geschlafen hat – wie so viele Münchnerinnen und Münchner mit Wurzeln in dem Land.

„Bei den meisten Iranerinnen und Iranern im Exil überwiegt eindeutig die Freude.“ Das sagt nicht nur der Vorsitzende von Munich Circle, sondern auch Sasan Harun-Mahdavi, der dem Migrationsbeirat der Stadt München angehört und an der Spitze des Vereins „Leben und Leben Lassen“ steht, eigenen Angaben zufolge die größte Community iranischstämmiger Menschen in Bayern.

So habe es infolge des Kriegsbeginns am Wochenende eine spontane Zusammenkunft der iranischen Diaspora im Englischen Garten gegeben, erzählt Harun-Mahdavi. „Die Menschen haben dort getanzt und gesungen.“ Er selbst habe zur selben Zeit an einer Vorstandssitzung seines Vereins teilgenommen, bei der die Stimmung angesichts sich überschlagender Nachrichten „ein bisschen zurückhaltender“ gewesen sei.

Denn so sehr viele der 3500 Iranerinnen und Iraner in München – plus weit mehr Menschen mit Wurzeln in dem Land – den Angriff auf das Mullah-Regime begrüßen, so groß seien auch die Sorgen, sagt Harun-Mahdavi. Zum einen um Verwandte und Bekannte in der Heimat, wo es laut den iranischen Behörden bereits Hunderte zivile Todesopfer gegeben hat. Zum anderen sei da die ungewisse Zukunft, sagt er. „Keiner weiß, wie es weitergeht und ob die Angriffe tatsächlich einen Regimewechsel herbeiführen können.“

Genau das ist laut Farhid Habibi die Hoffnung vieler Exil-Iraner in München. Verhandlungen mit dem herrschenden Regime nennt er „realitätsfremd“. Vielmehr müsse dieses „so weit geschwächt werden, dass die Menschen in Iran wieder auf die Straße gehen und einen Wandel herbeiführen können.“ Wobei dies natürlich eine Gratwanderung sei, fügt er sogleich hinzu, angesichts der Erfahrungen, die man während der Proteste zu Jahresbeginn gemacht habe, „als das Regime die eigene Bevölkerung abgeschlachtet hat“.

In der Münchner Iran-Community gibt es aber auch Kritik an dem Angriff der USA und Israels, etwa von Maryam Shirinsokhan. „Der Krieg wird nicht zu Demokratie führen“, ist die Friedensaktivistin von der Initiative „Woman Life Freedom Munich“ überzeugt. Zwar habe auch sie sich über den Tod Ali Chameneis gefreut, sagt die in Iran geborene Münchnerin. Sie bezeichnet den Angriff aber als völkerrechtswidrig und bedauert ausdrücklich, dass die Bundesregierung dies nicht verurteilt habe.

„Es geht bei diesem Krieg nicht um Menschenrechte, sondern um einen Machtkampf zwischen Israel und Iran um die Hegemonie in der Region“, sagt Shirinsokhan. Zudem hätten Israel und die USA „keine Exit-Strategie aus dem Krieg“. Und bei aller Hoffnung auf einen Regimewechsel in Iran bestehe auch die Gefahr, „dass jetzt noch extremere Hardliner an die Macht kommen“.

Derlei Kritik am militärischen Vorgehen gegen Iran kann Sasan Harun-Mahdavi nicht nachvollziehen. „Wer jetzt sagt, die USA haben diesen Krieg angefangen, der darf nicht vergessen, dass das iranische Regime davor 30 000 Menschen umgebracht hat“, sagt der 58-Jährige im Hinblick auf Schätzungen. Die „Human Rights Activists News Agency“ hatte bis vor etwa einer Woche 7000 Todesfälle verifiziert, war aber dabei, Tausende weitere Fälle zu überprüfen. Harun-Mahdavi spricht in dem Zusammenhang von einem „Krieg des herrschenden Systems gegen das eigene Volk“. Um diesem Solidarität zu bekunden, plant sein Verein „Leben und Leben Lassen“ eine große Kundgebung auf dem Odeonsplatz am 17. März, kurz vor dem persischen Neujahrsfest. „An diesem Tag“, sagt Harun-Mahdavi, „werden wir dann entweder gemeinsam feiern oder demonstrieren.“

Zahlreiche Verbindungen von München in oder über die Golfregion werden annulliert. Am Flughafen bleibt das große Chaos aus – doch ein paar Reisende stranden an den Info-Schaltern.

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