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04.03.2026
14:31 Uhr
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Eine Taskforce sei im Einsatz, Krisenstäbe seien aktiviert. Auf der Handwerksmesse in München beschwichtigt die Wirtschaftsministerin – und Markus Söder erteilt am Ende einen Segen.

Eigentlich ist Katherina Reiche nach München gekommen, um übers Handwerk zu sprechen. Über die Bedeutung der Branche für die deutsche Wirtschaft: mehr als eine Million Betriebe, 5,5 Millionen Beschäftigte, 340 000 Ausbildungsplätze, 750 Milliarden Euro Jahresumsatz. „Das Rückgrat des deutschen Mittelstands“ und damit „das Rückgrat der deutschen Wirtschaft“, „ein Motor für Innovation und Beschäftigung“. Was man eben so sagt, wenn man zur Eröffnung der Internationalen Handwerksmesse eine Rede hält.
Doch draußen, vor Journalistinnen und Kameraleuten, geht es erst einmal um anderes: um den Iran-Krieg und die gestiegenen Öl-, Benzin- und Gaspreise. Reiche bemüht sich um Gelassenheit. In Deutschland drohe kein Energiemangel, die Versorgung sei nicht gefährdet, sagt sie. „Wir sehen keine Knappheiten bei Öl.“ Und beim Gas? „Im Gasmarkt sehen wir auch keine physischen Knappheiten“, sagt die CDU-Politikerin. Man werde „gut durch diese letzten Wochen des Winters kommen“.
Natürlich sei die Lage angespannt, je nachdem, wie lange der Krieg andauere, werde man mit „Krisenmechanismen“ reagieren. Wie genau diese Krisenmechanismen aussehen könnten, will ein Journalist wissen. Doch da endet die Auskunftsfreude der Ministerin abrupt: Das jetzt zu diskutieren, „hilft nicht“. Nur so viel: „Es gibt sie.“ Eine Taskforce sei im Einsatz, Krisenstäbe seien aktiviert. Ob eine Spritpreisbremse zur Entlastung von Autofahrern geplant sei, fragt eine Reporterin. „Steht nicht auf der Agenda.“
Das alles klingt natürlich nicht sonderlich beruhigend, erst recht nicht angesichts der Schlangen vor manchen Tankstellen und der latenten Sorge, die Energiekrise von 2022 könnte gerade ein Comeback erleben. Doch da ist die Ministerin schon wieder weg, und alle weiteren Fragen laufen ins Leere.
Drinnen, im Saal, wirkt Reiche am Rednerpult dann sichtlich entspannter. Dort fordert sie – das Erwartbare: weniger Bürokratie, weniger Dokumentationspflichten für Unternehmen, niedrigere Energiepreise, mehr Leistungsdenken. „Wir müssen das Arbeitsvolumen nach oben bringen, wenn wir wettbewerbsfähig sein wollen“, sagt die Ministerin, begleitet von hörbarer Zustimmung. Im Saal sitzen Wirtschaftsvertreter, Unternehmerinnen, Handwerker. Deutschland habe sich einst gern und nicht ganz zu Unrecht über die Griechen mokiert, aber „schauen Sie sich an, wie viel die Griechen heute arbeiten!“ Jedenfalls deutlich mehr als die Deutschen.
Als Reiche ankündigt, sie werde alles dafür tun, um eine höhere Erbschaftsteuer zu verhindern, brandet Applaus auf. Das gefällt den Familienunternehmern im Saal natürlich. Später verspricht sie noch, die Energiewende „neu zu ordnen“. Klimaschutz müsse bezahlbar sein und Versorgungssicherheit garantieren. Deshalb sei es richtig, in Gaskraftwerke zu investieren, was manche als interessanten Umweg auf dem Weg zur grünen Transformation betrachten.
Drei Tage dauert die Handwerksmesse in München und schon die erste Reihe bei der Eröffnung zeigt, welchen Stellenwert die Branche genießt: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ist da, sein Stellvertreter Hubert Aiwanger (Freie Wähler), Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU). Für Freitag hat sich der Bundeskanzler angekündigt; auch der Industriepräsident und der Arbeitgeberpräsident schauen vorbei.
Ein weiterer Präsident, nämlich der des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Jörg Dittrich, betont bei der Eröffnung mindestens dreimal, dass das Handwerk mehr Umsatz mache als die drei größten Automobilhersteller des Landes zusammen. „Wenn das Handwerk niest, bekommt Deutschland eine Lungenentzündung.“
Als Dittrich schließlich Markus Söder als CDU-Vorsitzenden begrüßt, greift der die Steilvorlage dankbar auf und kokettiert mit einer möglichen Kanzlerkandidatur. „Sie wissen ja, ich hab ja schon mal ..., ich könnte jederzeit wieder.“ Aber das solle man besser mit den Freunden von der CDU besprechen.
Es folgt der einschmeichelnde Auftakt: „Ich bin ein Handwerkskind.“ Sein Vater, ein Maurermeister, habe ihn allerdings früh und völlig zu Recht aus dem Familienbetrieb ferngehalten – Söders „unterentwickelte“ handwerkliche Fähigkeiten seien schon früh aufgefallen. Vater und Sohn in einem Betrieb, das wäre aber auch nicht gutgegangen. „Zu viel Alpha“, sagt der CSU-Chef. Spätestens jetzt hat Söder den Saal. Er erzählt von Stundenlohnzetteln, die er als Strafe stempeln musste, vom Stolz und von der Selbständigkeit, die ein Handwerksberuf vermittle. Und von seiner Mutter, die im Familienbetrieb unter anderem für die Buchhaltung zuständig war – und in ihm früh den Berufswunsch Betriebsprüfer geweckt habe. Denn: „Keinen hat sie besser behandelt als ihn.“
Zwischendurch gibt es noch ein wenig Grünen-Bashing („Dein Vorgänger, liebe Katherina, fehlt mir nicht“), ein wenig Umweltschutz-Bashing („Es kann doch nicht sein, dass nur, weil sich zwei Mäuse lieb haben, gleich Vegetationsgutachten erstellt werden“). Und ganz am Ende feuert auch er die Deutschen im Stile eines Motivationstrainers zu mehr Leistung an: „Wir brauchen ein anderes Leistungs-Mindset.“
Dann entlässt Söder die Messebesucher in die Hallen, fast wie ein Pfarrer nach der Predigt seine Gemeinde. Mit einem Segen, irgendwo zwischen Pathos und Publikumspflege: „Gott schütze das ehrbare Handwerk.“
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