SZ 16.12.2025
14:26 Uhr

Isabel Schnabel: Diese Ökonomin möchte die erste deutsche EZB-Präsidentin werden


Die ehemalige Wirtschaftsweise will an die Spitze der Notenbank – als Nachfolgerin von Christine Lagarde. Doch es gibt da zwei Probleme.

Isabel Schnabel: Diese Ökonomin möchte die erste deutsche EZB-Präsidentin werden
Sie ist eine erstklassige Ökonomin und gilt als angenehm im Umgang: Isabel Schnabel. (Foto: Stefan Boness/imago images/IPON)

Auf die Frage, ob man sich für einen hohen Posten interessiert, gibt es viele mögliche Repliken. Meistens antworten Kandidatinnen und Kandidaten zurückhaltend und versuchen, ihren Ehrgeiz in Watte zu packen. Die EZB-Direktorin Isabel Schnabel reagierte dieser Tage erfrischend anders. Christine Lagardes Mandat als Präsidentin der Europäischen Zentralbank endet zwar erst im Oktober 2027, doch schon jetzt wird sondiert, wer ihr nachfolgen könnte. Ob sie das gerne machen möchte, wollte die Nachrichtenagentur Bloomberg von der früheren Wirtschaftsweisen Schnabel wissen: „Wenn ich gefragt würde, stünde ich bereit.“ Im Konjunktiv, immerhin. Die schnörkellosen Worte sind auch bemerkenswert, weil sie als Kampfansage an Bundesbankpräsident Joachim Nagel zu verstehen sind. Der SPD-Mann hatte vorher im Spiegel auf dieselbe Frage die Watte ausgepackt, als er antwortete, dass „grundsätzlich jeder Notenbanker im EZB-Rat die Kompetenz zur Nachfolge für das Spitzenamt im Eurosystem“ haben dürfte. Also auch Nagel selbst, aber so konkret wollte er das nicht in die Auslage stellen.

Es geht nicht nur um die Neubesetzung der EZB-Spitzenposition. Im Direktorium sitzen sechs Notenbanker, vier von ihnen hören bis Dezember 2027 auf, der erste schon in ein paar Monaten. Bis Anfang Januar müssen die Regierungen der Eurostaaten Kandidaten für die Nachfolge von EZB-Vizepräsident Luis de Guindos vorschlagen, sein Mandat endet im Mai 2026. Wie immer sollte es bei der Gesamtlösung zwischen kleinen und großen, südlichen und nördlichen Eurostaaten ein Gleichgewicht geben. Das gilt auch für das Verhältnis von Befürwortern eines eher lockeren Kurses und Verfechtern einer harten Geldpolitik.

Schnabel gehört zu letzterer Gruppe. Sie hat jüngst eine Leitzinserhöhung der EZB ins Spiel gebracht, das hören manche Kollegen und Regierungschefs nicht so gerne. Doch angesichts der Weltlage können wichtige Güter jederzeit knapp werden, diese inflationären Angebotsschocks sind schwer zu bekämpfen. Schnabel ist daher vorsichtig. Damit steht sie in der Tradition der Bundesbank, die mit strenger Geldpolitik die stabile D-Mark zum Mythos machte.

Bislang stand noch niemand aus Deutschland an der Spitze der Europäischen Zentralbank. Als größtes Land der Euro-Zone könnte die Bundesregierung darauf pochen, jetzt dran zu sein. Allerdings wären im Erfolgsfall mit der EZB-Präsidentschaft von 2027 bis 2029 drei EU-Spitzenposten in deutscher Hand. Das Mandat von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen läuft noch bis 2029, fast genauso lang wird auch Claudia Buch an der Spitze der EZB-Bankenaufsicht stehen. Es wird schwierig, das in Brüssel durchzusetzen.

Die heute 54-jährige Schnabel machte ein Einser-Abitur, war Jahrgangsbeste im Studium und schloss ihre Promotion summa cum laude ab. „Viele arbeiten auf bestimmte Positionen hin, ich war hingegen oft in der glücklichen Position, angesprochen zu werden. Aber ich bin schon sehr ehrgeizig“, sagte Schnabel vor vielen Jahren in einem Gespräch mit der SZ.

Sie ist eine erstklassige Ökonomin und gilt als angenehm im Umgang. Ihr Förderer war der Wirtschaftswissenschaftler Martin Hellwig. Er schickte sie während ihrer Dissertation statt seiner selbst zu einer Konferenz an die renommierte Yale-Universität, um dort ein Forschungspapier zu besprechen. „Er hat einfach gesagt: Machen Sie das“, erinnert sich Schnabel. Später wurde sie Wirtschaftsweise und Professorin für Finanzmarktökonomie an der Universität Bonn. Das alles nebst drei Kindern, über die Schwierigkeiten dieser Doppelbelastung hat sie in vielen Interviews gesprochen.

Für ihren Aufstieg an die Spitze der EZB gibt es nicht nur die Hürde der deutschen Ämterhäufung, sondern noch eine weitere: Der EU-Vertrag legt fest, dass die Amtszeit im Direktorium acht Jahre beträgt und eine Wiederernennung nicht möglich ist. Schnabels Vertrag läuft im Dezember 2027 aus. Die EZB-Juristen müssten prüfen, wie man die Klausel umgeht – etwa durch frühzeitigen Rücktritt. Eine Trickserei, die Schatten auf ihre Berufung werfen würde.

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