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23.11.2025
14:05 Uhr
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Deutschland kann industrielle KI, weil das produzierende Gewerbe Gewicht hat. Die Maschinen liefern jede Menge Daten, um Algorithmen zu trainieren. Wie groß das Potenzial ist, zeigt eine Studie.

Gunther Kegel ist ein eifriger Nutzer von KI. Er wandert gerne, macht Fotos und wenn dann mal ein Strommast das Bergpanorama stört, wird er entsorgt, also mit digitalen Techniken aus dem Foto entfernt. Der Mann beherrscht solche Techniken schon von Berufs und Amts wegen. Kegel ist promovierter Elektrotechniker, führte jahrelang den Elektronik-Spezialisten Pepperl+Fuchs und ist Präsident des Verbandes der Elektro- und Digitalindustrie (ZVEI).
Bei generativer KI wie Chat-GPT sei Deutschland „hintendran“, sagt Kegel, weil große Rechenzentren fehlten und „wir nicht die großen Player haben wie ein Google, OpenAI oder Microsoft, die es schnell geschafft hätten, KI-Algorithmen zu monetarisieren.“ Dagegen habe industrielle KI für den Industriestandort Deutschland ein enormes Potenzial. So sieht das Kegel und das belegt eine Umfrage der Meinungsforscher von Civey im Auftrag des ZVEI. Die industrielle KI baue auf den bereits vorhandene Algorithmen von Tech-Giganten wie Google oder Open AI auf, sagt Kegel: „Wir füttern die KI mit unserem domainspezifischen Wissen, damit sie für uns Nutzen stiftet.“ Der Datenschatz den die Domains, also Maschinen, Anlagen und Sensoren liefern, sei gewaltig. Das liege auch daran, dass das produzierende Gewerbe, also die Industrie, in Deutschland noch Gewicht hat.
Bei industrieller KI könne Deutschland mit China und den USA nicht nur mithalten, sondern liege vorn, behauptet Kegel. Dabei werden Algorithmen mit den Daten aus den Maschinen trainiert und lernen zum Beispiele, Fehlteile in der Produktion zu erkennen und auszusortieren, einfache Ventile zu konstruieren oder Stücklisten zu erstellen. Die Rechenleistung, die es dafür brauche, sei weitaus geringer als für Sprachmodelle wie Chat-GPT, die Milliarden Menschen nutzen. Jedes fünfte Unternehmen habe bereits industrielle KI-Anwendungen in seine Produktionsprozesse integrieren können, ergab die Umfrage, die der ZVEI im Vorfeld der Fachmesse sps vorstellte, die an diesem Dienstag in Nürnberg beginnt. Dort geht es um smarte Produktion und Automatisierung.
„KI in der industriellen Anwendung ist unser Kompetenzfeld“, sagt Kegel. Und verlangt mehr Tempo. KI, Software und Daten seien die Treiber der künftigen Wertschöpfung. Das sehen viele Firmen so. Laut der Umfrage erwarten mehr als zwei Drittel der Unternehmen durch industrielle KI eine deutliche Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit binnen der nächsten fünf Jahre. Jedes vierte Unternehmen will in dieser Zeit schon deutlich mehr als ein Fünftel seiner gesamten Investitionen in industrielle KI-Anwendungen stecken. Wer im globalen Wettbewerb eine Rolle spielen wolle, müsse sich dieser Herausforderungen stellen.
Kegel wäre kein Lobbyist, wenn er nicht Defizite beklagte. Es brauche auch in Deutschland mehr Rechenzentren. „Ich bin froh, dass die Schwarz-Gruppe jetzt ein solches Rechenzentrum baut“, sagt Kegel. Elf Milliarden Euro will die Gruppe in Lübbenau im Spreewald investieren. Und natürlich gibt es Abhängigkeiten. „Wir sind auf Halbleiter wie die von Nvidia angewiesen“, sagt Kegel der SZ. Das gefällt ihm nicht. Er fordert, Mikroelektronik als Schlüsselindustrie zu fördern. „Wir brauchen in Europa ein technologisches Faustpfand, um im globalen Chip-Wettbewerb nicht erpressbar zu werden“, sagt Kegel. Nur aus einer starken Position sei die digitale Souveränität Europas zu sichern, sagt Kegel: „Wir müssen diese Technologie in Europa ausbauen, aber ohne politische Anreize wird es nicht gehen.“ Er hat wenig an Wirtschaftsministerin Katherina Reiche zu kritisieren, aber in diesem Punkt könne sie die künftigen Industrien noch stärker unterstützen.
Wie erpressbar deutsche Unternehmen sind, hat gerade der Streit um Nexperia mit Hauptsitz in Nijmegen gezeigt. Weil die niederländische Regierung den chinesischen Eigentümer de facto enteignete, stoppte China die Ausfuhrt von Chips. Mittlerweile haben die Niederlande die Kontrolle wieder abgegeben.
Und noch einen weiteren „Stolperstein“ nannten die Befragten. Jedes dritte Unternehmen mit industriellen KI-Anwendungen empfinde die geltenden oder geplanten EU-Regelwerke, etwa den AI Act, den Data Act oder den Cyber Resilience Act, als starke bis sehr starke Belastung für die Umsetzung von KI-Projekten. Es sei richtig, die Konsumenten über Richtlinien zu schützen und da, wo Mensch und Maschine zusammenarbeiten, etwa bei Pflegerobotern. Das ist aber nach Ansicht für Kegel bei vielen industriellen Anwendungen gar nicht der Fall und für die würden auch schon heute strenge Sicherheitsvorschriften gelten. Europa müsse dringend die regulatorische Unsicherheit aus dem Weg räumen. „Die Unternehmen brauchen mehr Spielräume, damit sich Innovationen in allen Fragen der Digitalisierung entfalten können und nicht bereits im Entstehen abgewürgt werden“, sagt Kegel.
Gut 40 Prozent der Befragten halten es für wahrscheinlich, künftig außerhalb der EU in KI-Anwendungen zu investieren. „Das beobachten wir schon“, sagt Kegel. Es gebe bereits Medizintechnikfirmen, Namen will er nicht nennen, die ihre KI-Entwicklung in die USA und nach Großbritannien verlagert hätten. Der Grund: Sie dürften ihre Systeme in der EU wegen des Datenschutzes nicht mit Patientendaten, etwa mit Röntgenbildern, trainieren, selbst dann nicht, wenn diese anonymisiert seien. „Die drohende Abwanderung ist wirklich besorgniserregend“, sagt Kegel.
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