SZ 15.02.2026
11:09 Uhr

Gefahr für seltene Wildtiere: Winterlicher Freizeitdruck in Bayerns Bergen


Auch in der kalten Jahreszeit werden Gebiete wie das Mangfallgebirge rund um Spitzingsee, Taubenstein und Rotwand von Ausflüglern und Bergsportlern regelrecht gestürmt. Alpenverein und Naturschützer versuchen, die vielen Menschen von der Tierwelt fernzuhalten, die zurzeit besonders empfindlich ist.

Gefahr für seltene Wildtiere: Winterlicher Freizeitdruck in Bayerns Bergen
Die Berge rund um den Spitzingsee sind auch im Winter ein äußerst beliebtes Revier für Ausflügler. Hier zwei Wanderer auf dem Weg zur Brecherspitz. (Foto: Sabine Dobel/dpa)

Früher war es mit einer einfachen Faustformel getan, und „früher“ ist in diesem Fall noch gar nicht so lange her. 1995 hat der Deutsche Alpenverein (DAV) begonnen, in Bayerns Bergen winterliche Wald-Wild-Schongebiete zu definieren, aus denen sich Skitourengeher den Wildtieren zuliebe freiwillig fernhalten sollen. Schlicht „bei Schneelage“ galt dieser Appell, den der Alpenverein als Bergsportverband stets mit alternativen, besser verträglichen Routenvorschlägen flankiert hat. Und Schnee lag in den Bergen im Winter ohnehin fast immer.

Doch das hat sich über die Jahre geändert. Seit dem vergangenen Winter haben die Naturschützer im Alpenverein für ihre inzwischen mehr als 300 ausgewiesenen Wald-Wild-Schongebiete darum einen festen Gültigkeitszeitraum definiert, nämlich von 15. Dezember bis 30. April. Auch wenn es in den Bergen in diesen Tagen gerade wieder geschneit hat: Von Dezember bis April gibt es in den mittleren Höhenlagen der Alpen längst nicht mehr immer eine geschlossene Schneedecke. Den besonders schutzbedürftigen und auch gesetzlich besonders geschützten Raufußhühnern zum Beispiel geht es in grünen Wintern aber nicht besser.

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Ganz im Gegenteil, sagt Johanna Völkel, die sich als Gebietsbetreuerin für den Landkreis Miesbach um den Naturschutz im Mangfallgebirge kümmert. Auch wenn die Skitourengeher in den vergangenen Wochen abseits künstlich beschneiter Pisten praktisch keine Grundlage für ihren Sport vorfanden und stattdessen Bergwanderer und sogar Mountainbiker auf ihren üblichen Wegen unterwegs waren fast wie im Sommer. „Für Wildtiere ist das anders: Der Winter bleibt der Winter“, sagt Völkel.

Denn kalt sei es im Gebirge ja trotzdem, und etwa die Birkhühner könnten sich dann nicht in schützende und wärmende Schneehöhlen zurückziehen. Würden sie zu oft von Bergsportlern aufgeschreckt, verlören sie lebensbedrohlich viel Energie. Und selbst wenn Hänge und Kuppen schneefrei sind, dann heiße das nicht, dass die Vögel genügend Nahrung fänden. Denn ihr Verdauungssystem sei im Winter auf ganz andere Kost eingestellt, sagt Völkel. Unter anderem deshalb hat sich die Gebietsbetreuerin zusammen mit der DAV-Sektion München-Oberland am Wochenende am jährlichen Aktionstag für die Schon- und Schutzgebiete eingesetzt.

Das bedeutet Bergsportler ansprechen, auf freiwillige Schon- und behördlich gesperrte Schutzgebiete hinweisen, erläutern, erklären, Alternativen aufzeigen. Das tun Gebietsbetreuer, Ranger, Bergwachtler, Forstleute, DAV-Mitglieder und viele andere Ehrenamtliche jedes Jahr an mehreren besonders besucherstarken Orten im Gebirge. Und das Mangfallgebirge rund um Spitzingsee, Taubenstein und Rotwand ist eines der besucherstärksten von allen.

Nur 50 Kilometer von der Großstadt München entfernt, leide das Mangfallgebirge unter „einem extremen Nutzungsdruck“. Es sei „ein Paradebeispiel für die Überlastung in den Alpen“, sagt Florian Mönich, der sich im Vorstand der DAV-Sektion München unter anderem um Natur-, Umwelt- und Klimaschutz kümmert. Die Corona-Pandemie vor einigen Jahren sei da „sicher noch mal ein Booster gewesen“, aber seither sei der Druck nicht mehr weniger geworden, sondern weiter gewachsen.

Mönich weiß genau, dass sein eigener Verein an dieser Überlastung nicht ganz unbeteiligt ist. Die doppelte, auf vollständige Verschmelzung zusteuernde Sektion München-Oberland hat mehr als 180 000 Mitglieder, ein gutes Siebtel des gesamten DAV. Im Mangfallgebirge betreibt die Sektion München vier ihrer zehn Hütten und unterhält 40 Kilometer Bergwege.

Aber es sind beileibe nicht nur organisierte Bergsportler, die das Mangfallgebirge tageweise regelrecht überrennen. Am Taubenstein gibt es schon seit 2015 keinen alpinen Skibetrieb mit präparierten Pisten mehr. Trotzdem starten vom Parkplatz der Taubensteinbahn an einzelnen Tagen um die 1000 Tourengeher und Schneeschuhwanderer hinauf in die Berge. So berichten es Mönich und Gebietsbetreuerin Völkel anhand der Daten von Besucherzählanlagen mit Lichtschranken. Auch die regelmäßigen Signale von Lawinenpiepsern werden von Zählgeräten registriert. An manchen Tagen im Mai, zur Balzzeit der Birkhühner, kommt auf dem Weg zwischen Taubenstein und Lempersberg laut Völkel im Schnitt alle 20 Sekunden ein Wanderer vorbei.

Völkel zeigt sich überzeugt, dass die auf Freiwilligkeit und Einsicht setzenden Wald-Wild-Schongebiete des Alpenvereins den Tieren nützen. Gereicht haben sie aber nicht, weshalb der Landkreis Miesbach im Dezember 2021 etliche Schutzgebiete ausgewiesen hat, die meistens zeitweise und teils auch ganzjährig nicht betreten werden dürfen. Auch dort sei die Zahl der Birkhühner zurückgegangen, aber weniger stark als außerhalb, sagt Völkel. Zugleich könne und wolle eine Behörde nicht einfach ein ganzes Gebirge sperren. Denn auch „das Betretungsrecht ist ein hohes Gut“.

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