SZ 02.01.2026
16:54 Uhr

Gedenken an SZ-Redakteur Franz Kotteder: Liebhaber und Gutachter in einer Person


Eine Erinnerung an den Haferlgucker und SZ-Redakteur Franz Kotteder. Über einen großen Lokalreporter – in einem Metier, das es so nur in München gibt.

Gedenken an SZ-Redakteur Franz Kotteder: Liebhaber und Gutachter in einer Person

Die österreichische Sprache, die ja dem Bairischen durchaus verwandt ist, kennt einen Begriff für Menschen, die von Neugier getrieben sind und zugleich einen ausgeprägten Sinn fürs Kulinarische haben: Häferlgucker, oder auch Haferlgucker. In der nicht immer guten, alten Zeit gab es sogar eine legendäre Sendereihe gleichen Namens im ORF, die später von einem Münchner Sender kopiert wurde.

Als Haferlgucker ist man Liebhaber und Gutachter in einer Person, man schaut in jeden Topf, auf jeden Teller, in jeden Weinkeller – vor allem weiß man immer ein wenig mehr als selbst die anspruchsvollsten Gäste, im Idealfall sogar mehr als die Wirte. Schlendrian in der Küche lässt der Haferlgucker niemandem durchgehen, da kennt er kein Pardon in seinem öffentlichen Urteil – aber er ist durchaus fähig zum fundierten Lob.

In München gab es nur einen, der es in dieser Disziplin zur höchsten Meisterschaft brachte. Franz Kotteder war ein Lokalreporter im allerbesten Sinne. Aber so breit aufgestellt, dass er das Literarische, das Politische und das Kulturhistorische nach Belieben in seine Texte einfließen lassen konnte. Ein Haferlgucker seiner Klasse agiert ja nicht nur als Genuss- und Gefühlsmensch, sondern auch als intellektueller Beobachter. Und er weiß: Die Oper, das Kabarett und das Wirtshaus sind artverwandte Bühnen – und schützenswerte Räume.

Kotteder stand für eine Münchner Lebensart, die seit den Zeiten der Wittelsbacher einen Sinn für höfische Theatralik, für Inszenierung hat. Und wie hat er es einmal treffend formuliert? „Enthusiastische Kulinariker sind der festen Überzeugung, dass die gehobene Kochkunst heute längst eine eigene Kunstrichtung darstellt.“ Zugleich konnte er mit einem einzigen Piks die Luft aus einem zu pompös geratenen Soufflé herauslassen – aufgeblasene Schicki-Mickis, söderhafte Selbstdarsteller und Scheinpromis jeglicher Art knöpfte er sich gerne in seinen Kolumnen vor.

Ach, Franz, wir werden dich schrecklich vermissen, in Deiner SZ. Deine Unbestechlichkeit, deinen Reporterblick, dein manchmal aufbrausendes Wesen, deine humorvolle Herzlichkeit, deinen Sinn für die schönen Dinge des Lebens. Das gilt natürlich auch für Generationen von Wirten, die seinem klaren Urteil vertrauten, selbst wenn sie nicht immer gut wegkamen in seiner Kritik. „Sag mal, hast du den Franz schon gesehen, der kommt aber schon, oder?“: Diesen Satz, oft flehentlich vorgetragen, hat man in den vergangenen Jahren ziemlich oft gehört, von Wiesnwirten, Sterneköchen und Barbetreibern, die bei jeder Eröffnung, bei jedem wichtigen Termin auf ihren Haferlgucker warteten. Weil sie wussten: Da ist einer, der sie versteht.

Er hat mehr als 40 Jahre lang Geschichten geschrieben und die Süddeutsche Zeitung mitgeprägt: als Lokaljournalist, als Gastro-Experte, als Betriebsrat. Zum Abschied von einem ganz besonderen Journalisten.

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