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21.01.2026
11:59 Uhr
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Mit viel Tamtam präsentiert Audi seinen neuen Rennwagen in Berlin. Während der Autobauer wirtschaftlich kriselt, investiert er Millionen in die Formel 1 – und denkt in großen Dimensionen.

Wie sieht das erste Formel-1-Auto denn nun aus? Audi hat sich in Berlin mit viel Aufwand präsentiert. (Foto: Soeren Stache/dpa)
Das neue Kapitel beginnt quasi im Dunkeln. Bis mit einem Rauschen ein Countdown aufleuchtet, von hoch oben Scheinwerfer auf den Boden strahlen, rote Banden pulsieren. Dann ziehen Lichter über den rauen Beton des früheren Heizkraftwerks in Berlin-Mitte, synchronisiert zur Musik von Violinen und dem Gesang eines Chors und einer Solistin. „This is the beginning“, singt sie. Ein Rapper reimt von einer Mission, von Leidenschaft und Mut. Auf einer riesigen Leinwand flackern Bewegtbilder, dazu Manifeste: to start something – stop at nothing. Und schließlich die Fahrer, die Manager, das Auto, der R26 in Titanium, Karbon-Schwarz und leuchtendem Rot lackiert. So sieht er also aus, der Anfang von Audi in der Formel 1. Licht an!
Dass der Vorhang in Berlin fällt und nicht in Ingolstadt am Hauptsitz der Marke, erklärt Audi mit jenem Ansatz, der ein Motto des Rennstalls werden soll: Wir bringen die Formel 1 zu den Leuten. In diesem Fall in eine Stadt, die nicht viel mit Motorsport zu tun hat, aber, wie Audi findet, niemals stillsteht. „Es geht darum, die Fans einzubeziehen und über das hinauszugehen, was Teams bisher gemacht haben“, sagt Teamchef Jonathan Wheatley am Dienstag wenige Stunden vor der Show. Deshalb wird die Veranstaltung nach der Premiere für geladene Gäste einen Tag später für 600 Fans wiederholt. Während der gesamten Saison sind ähnliche Aktionen geplant. Audi möchte in der Königsklasse gar zu einer kulturellen Erfahrung werden, alle sollen nach den Ringen greifen.
Wie wird aus einem chancenlosen ein erfolgreicher Rennstall? Daran arbeitet das künftige Audi-Werksteam intensiv. Maßgeblich dazu beitragen soll Nico Hülkenberg – der einzig verbliebene deutsche Fahrer in der Formel 1.
Mit wie viel Aufwand Audi in die Formel 1 startet, erinnert an frühere Zeiten, als die Präsentationen der Autos bisweilen zu Partys wurden, bei denen schon mal die Spice Girls auftraten (1997, McLaren). 2025, zum 75. Jubiläum der Rennserie, ließen alle Teams zusammen die Hüllen ihrer Boliden fallen, jetzt gestaltet jedes seine Show wieder individuell. Der Audi-Auftritt passt zur Herangehensweise, die Wheatley so formuliert: „Wir sind demütig. Wir wissen, wo wir anfangen, aber wir wissen auch, wo wir hinwollen. Wir wollen, dass Audi das erfolgreichste Team der Geschichte wird.“ Das hieße, die Scuderia Ferrari zu überholen, die insgesamt 31 Titel in der Fahrer- und Konstrukteurswertung geholt hat. Mit Red Bull gewann Wheatley immerhin insgesamt 14 Weltmeisterschaften. Sollte er sich in dem Moment gefragt haben, ob diese Aussage nicht doch etwas großspurig wirkte, ließ der 58-jährige Brite sich das nicht anmerken.
Den Weg zu diesem Ziel hatte der Vorstandsvorsitzende Gernot Döllner bei der Vorstellung eines Konzepts des R26 am Münchner Flughafen Mitte November aufgezeigt: 2026 Herausforderer sein, von 2028 an wettbewerbsfähig, ab 2030 will Audi um den Titel fahren. „Das Formel-1-Projekt“, sagt er nun in Berlin, „ist ein Schnellboot, das uns inspiriert.“ Seine Zuversicht ist historisch begründet. Audi hat viele Erfolge gesammelt im Rallyesport, in der DTM, der Formel E und der Langstrecke. Nach 13 von 18 Starts stand die Marke bei den 24 Stunden von Le Mans ganz oben auf dem Treppchen. So groß muss Döllner dieses Projekt, das er von seinen Vorgängern übernommen hat, aber auch denken und verkaufen. Intern ist die Formel 1 umstritten angesichts der vielen investierten Millionen, die den bis zu 7500 Stellen gegenüberstehen, die abgebaut werden, weil das Geschäft nicht mehr so brummt wie einst.
Aber die Formel 1 boomt weltweit und ist attraktiv für Sponsoren, Ferrari, Mercedes und Red Bull machen mit ihren Rennställen Profit, dieser globale Glanz könnte abfärben. Der katarische Staatsfonds stieg Ende 2024 als Investor beim Audi-Team ein, eine britische Neobank ist Titelpartner. Außerdem werden die Karten 2026 für alle neu gemischt. Das Reglement wurde stark überarbeitet, die Autos sind kleiner und leichter, die Antriebseinheiten müssen ihre Leistung künftig zur Hälfte aus einem Verbrennungsmotor und einer Batterie beziehen. Der Kraftstoff ist zu 100 Prozent nachhaltig.
Audi hat sich gleich das große Ganze vorgenommen: Der Motor wird in Neuburg an der Donau gebaut, der Rennwagen im schweizerischen Hinwil entwickelt, wo die Fabrik des übernommenen Sauber-Teams steht, dazu ein Technologiezentrum im englischen Bicester. Die beiden anderen neuen Autokonzerne in der Formel 1 starten mit kleineren Schritten: Ford liefert Red Bull nur den Motor, Cadillac kooperiert mit Ferrari. Vor zwei Wochen testete Audi als erstes Team überhaupt im Rahmen von Filmtagen ein Auto der neuen Generation auf der Strecke in Barcelona mit seinen Fahrern Nico Hülkenberg, 38, und Gabriel Bortoleto, 21, die vergangene Saison das Sauber-Duo bildeten.
Die Erkenntnis vor den ersten offiziellen Tests und dem Saisonauftakt am 8. März in Australien: Immer noch viel zu tun. Nicht nur technisch, sondern auch menschlich. Sauber war die vergangenen Jahre ein Hinterbänkler, quasi überall musste investiert werden, jede Menge Leute wurden dazugeholt, mehr als 1500 sind auf die drei Standorte verteilt. Die Formel 1 ist ein komplexer Mannschaftssport. Was fehlt noch, um die Lücke auf die Etablierten zu schließen? Infrastruktur, Leute, Geld? „Alles, außer die Finanzierung“, sagt Mattia Binotto, jahrelang bei Ferrari und nun Leiter des Audi-Projekts, und schaut lachend rüber zu Döllner und Wheatley, die am Nachmittag vor dem Launch neben ihm für ein Mediengespräch sitzen. „Und alles außer Engagement. Da haben wir auch, was es braucht, um das hier zu einem Erfolg zu machen. Wir brauchen nur Zeit.“
Ziele werden sicherheitshalber erst mal nicht an Siegen, Punkten oder einer Platzierung festgemacht, sondern im Entwickeln von Haltung und Verhalten. Audi will direkt zeigen, dass es ein ernst zu nehmender Konkurrent ist. Gut also, dass eine Panne nur bei der Generalprobe passierte. Da tauchten auf der Leinwand hinter dem Showcar Bilder von einer Version des echten Autos auf. Wer das erkannte, bekam Hinweise zum R26 geliefert, die eigentlich geheim bleiben sollten.
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