SZ 29.11.2025
10:03 Uhr

Finale der Nations League: Deutschland lässt die Weltmeisterinnen leiden


„Die Wenigsten hätten uns so eine Leistung zugetraut“: Die DFB-Frauen zeigen gegen Spanien eines ihrer besten Spiele unter Bundestrainer Wück. Nur eine wohlbekannte Schwäche verhindert den Sieg.

Finale der Nations League: Deutschland lässt die Weltmeisterinnen leiden

Die Weltmeisterinnen konnten kaum verbergen, dass ihre Laune nach einem Fußballspiel schon mal besser war. Als Alexia Putellas aus dem Kabinengang des Fritz-Walter-Stadions vor die Mikrofone trat, lag in ihrem Blick Ernüchterung. „Ich weiß nicht, was ihr für ein Spiel erwartet habt, aber das ist ein Finale, sie haben zu Hause gespielt und sie haben großartige Spielerinnen“, sagte Putellas, selbst eine großartige Spielerin.

Von einer komplizierten, schwierigen Partie sprachen die Spanierinnen, auch Torhüterin Cata Coll war die Enttäuschung anzusehen. Dabei hatte sie mit starken Paraden dazu beigetragen, dass der Abend für ihr Team mit einem 0:0 noch glimpflich geendet hatte. Aber Ergebnis und Leistung im Final-Hinspiel der Nations League hatten nunmal nicht dem Anspruch der fußballerisch weltweit besten und individuell sicher am stärksten besetzten Elf entsprochen. Was die spanische Zeitung El Pais zu der Feststellung brachte, das schlechteste Spiel seit dem 0:4 bei der Weltmeisterschaft 2023 gesehen zu haben, als die Japanerinnen sie in der Gruppenphase deklassiert hatten.

Im torlosen Final-Hinspiel der Nations League verpassen die deutschen Fußballerinnen gegen Spanien den Sieg. Klara Bühl trifft nur den Pfosten – im Rückspiel in Madrid muss das Team seine Effizienz steigern.

Für all das war das deutsche Nationalteam verantwortlich. Mit viel Dynamik hatte es die Spanierinnen am Freitagabend überrumpelt und ihnen den Spaß am Spiel genommen. Phasenweise wirkten die Gäste in ihrer eigenen Hälfte wie gefangen in einem Käfig, aus dem sie zwar mal einen Arm oder einen Fuß rausstreckten, sich aber nicht wirklich befreien konnten. „Es stimmt, dass wir heute ziemlich gelitten haben“, sagte Cata Coll. Die deutsche Dominanz ließ Erinnerungen an das allererste Spiel von Christian Wück als Bundestrainer aufkommen: das 4:3 gegen England vor rund 13 Monaten. Damals hatten die DFB-Frauen mit mutigem, gierigem Offensivfußball ähnlich überfallartig agiert und hohe Erwartungen geschürt, ob dieses Unterhaltungsniveau mit dem neuen Chefcoach wohl öfter möglich sein würde.

„Wir hatten eine unfassbar große Chance heute dieses Spiel zu gewinnen. Natürlich ärgert uns das enorm, weil ich glaube, noch niemand hatte Spanien an so einem Punkt, wie wir heute“, fand Vize-Kapitänin Janina Minge. Dieser Abend, er war geprägt von einer Ambivalenz, an die sich die Deutschen inzwischen fast schon gewöhnt haben könnten. Der Bundestrainer störte sich jedenfalls erneut daran, bei der Analyse über dieses eine wiederkehrende Thema reden zu müssen, das die Partie auf dem Betzenberg in Kaiserslautern von jener im Londoner Wembley-Stadion unterscheidet. Damals lag sein Team nach einer halben Stunde mit 3:0 vorne. Diesmal führte es nach einer halben Stunde 6:0, aber eben nur in den Kategorien Schüsse aufs Tor und Chancen. Nach dem Abpfiff listete die Statistik gar 19:9-Torschüsse, darunter diverse Großchancen.

„Es ist die alte Leier, die Effizienz vor dem Tor“, sagte Wück auf der Pressekonferenz. „Es ist keine Frage der Technik, es ist eine Frage der Spielintelligenz, dem Erkennen von Situationen, um effektiver vor dem Tor zu sein.“ Als Paradebeispiel diente dem 52-Jährigen jener Treffer, der im Sommer beim Halbfinale der EM gegen Spanien so schmerzhaft für die Deutschen war: das 1:0 von Aitana Bonmatí ins kurze Eck, geprägt von einer herausragenden Präzision und beeindruckender Gedankenschnelligkeit.

Unmittelbar überwog bei Wück erklärtermaßen der Frust darüber, dass sich seine Spielerinnen trotz zahlreicher guter Gelegenheiten kein einziges Mal für das Kreieren all dieser Chancen belohnt hatten. Es hätte ja schon in der zweiten und sechsten Minute durch Klara Bühl und Nicole Anyomi so weit sein können, Bühl (19., 29. Minute), Franziska Kett (27.) und Jule Brand (28.) ließen Spaniens Torhüterin Cata Coll auch danach nicht zur Ruhe kommen, später landete ein Kopfball von Rebekka Knaak am Pfosten (33.) – aber einfach nicht im Tor. „Auf der anderen Seite hätten uns die Wenigsten so eine Leistung zugetraut gegen so eine Mannschaft“, sagte Wück. „Ich sehe das als weiteren Entwicklungsschritt, um das nächste Level zu erreichen.“ Der vielleicht größte Fortschritt sei, „dass die Spielerinnen viel mehr miteinander harmonieren“, taktische Pärchen wie Sjoeke Nüsken und Elisa Senß im Mittelfeld hätten sich gefunden und verstünden sich nun blind.

Die Deutschen eroberten die Bälle und schwärmten auf verschiedene Wege bei ihren schnellen Kontern aus. Was Putellas und die anderen auch versuchten, es wirkte oft umständlich und in der Defensive überfordert, auch durch den Druck der Deutschen. Das frustrierte sie zunehmend. Bis auf eine Viertelstunde nach der Pause – dann allerdings direkt inklusive zweier knapp verpasster Chancen – konnten sie sich nicht entfalten. Es wirkte, als wüssten sie bisweilen nicht, wohin mit dem Ball. Was auch daran lag, dass das DFB-Team, wieder mit Ann-Katrin Berger als Ruhepol im Tor, kompakt verteidigte. Nach diesem kurzen Aufbäumen drehten die Deutschen wieder auf. Aber Pfosten, Latte, Cata Coll, die eigene Nervosität oder Ungenauigkeit – immer stand etwas im Weg. Dieses Spiel hätten sie gewinnen können, vielleicht sogar müssen. Wo sich sonst ein Remis gegen die Weltmeisterinnen wie ein Sieg anfühlen konnte, überwog nun das Gefühl einer Niederlage.

„Natürlich hätten wir uns einen kleinen Puffer erspielen können“, sagte Bühl: „Aber ich glaube nicht, dass es das Spiel in Spanien so viel einfacher gemacht hätte, ob wir hier mit 1:0 oder 0:0 spielen. So haben wir das klassische Finale und darauf freuen wir uns extrem.“ Die 24-Jährige vom FC Bayern ragte abermals heraus. Doch stand sie im Halbfinale noch für die erkämpfte Wende, personifizierte sie nun die Abschluss-Problematik. Der Appell von Wück war klar und barg eine gewisse Dringlichkeit: „Ich habe es schon öfter gesagt: Sie muss ihre Quantität in Qualität ummünzen.“

Ein bühlscher Blickwechsel jedenfalls von der Kritik an der schlechten Chancenverwertung zu Optimismus angesichts der Dominanz, kann für das Rückspiel am Dienstag (18.30 Uhr, ARD) im Estadio Metropolitano von Madrid natürlich helfen. Der Sieg in der Nations League wäre der erste Titel seit Olympiagold 2016. Für die Spanierinnen geht es um die Titelverteidigung und das Verhindern der nächsten Finalniederlage nach der EM im Sommer. „Es wird schwierig werden“, sagte Alexia Putellas zwar. „Denn wir haben ja gesehen, was für eine großartige Mannschaft Deutschland ist.“ Aber wie lief das noch gleich nach der besagten Klatsche gegen Japan? Die Spanierinnen verloren kein Spiel mehr. Sie antworteten mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft.

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