SZ 17.02.2026
15:48 Uhr

Deutsches Haus bei Olympia: Jürgen Klopp kommt, faltet die Hände – und verneigt sich


Im Deutschen Haus in Cortina treffen sich Athleten, Promis und Wintersport-Enthusiasten. Über einen Ort, an dem wild gefeiert wird, wenn die Medaillen gewonnen sind.

Deutsches Haus bei Olympia: Jürgen Klopp kommt, faltet die Hände – und verneigt sich

Um 18.51 Uhr geht eine Seitentür auf, kaum merklich schleicht ein Mann mit Baseballkappe herein und begutachtet das wilde Treiben. Die Bar ist längst eröffnet, Champagnergläser werden gereicht, wahlweise gezapftes Weißbier, wie könnte es anders sein. Fürst Albert von Monaco ist gekommen, Tenniskönig a.D. Boris Becker unterhält sich im Getümmel, Kanu-Goldgewinnerin Ricarda Funk hat eine Freundin mitgebracht, Ex-Biathlet Arnd Peiffer seine Frau und Kinder. Und natürlich sind Knut und Tina gekommen, zwei Oberhofer, Wintersport-Enthusiasten, wie sie sich nennen. Bereit für die lange Nacht am heißen Büfett.

Ins Gewimmel tritt der Mann mit dem Käppi und erspäht sogleich zwei Frauen zu seiner linken: Emma Aicher und Lena Dürr stehen da, zwei Skirennläuferinnen in Medaillenform und Stammgäste an diesem Ort. Der Mann aus der Seitentür geht auf die beiden zu, faltet die Hände und macht eine dezente Verneigung. Ist das wirklich Jürgen Klopp? Sein weißes Lächeln und die Stimme verraten ihn. „Freut mich sehr“, sagt Klopp Richtung Aicher und Dürr und ergänzt, fast ehrfürchtig: „Mein Respekt.“

In Livigno, einem von sechs Olympia-Orten, gibt es Kritik an den Spielen, die Touristenläden sind leer. Aber junge Fans aus aller Welt haben ihren Spaß. Unterwegs mit Grantelnden und Feiernden.

Montagabend in Cortina d’Ampezzo: Die Nacht bricht herein, und auf einer Anhöhe am Ortsrand schimmert grelles Licht. Die deutsche Delegation hat sich hier ihre Zentrale eingerichtet, ein geräumiges Holzhaus am Hang, zu schnieke, um als Berghütte durchzugehen, aber rustikal genug für Wintersportklamotten. Das Deutsche Haus, so verlangt es die olympische Tradition dieser Wander-Lokalität, soll möglichst viel vereinen: aktive und einstige Athleten, Prominenz von A bis C, und eben die Knuts und Tinas der olympischen Welt, die dem Event ihren Charakter verleihen. Und ihren Reibach.

Das Tagesticket für Gäste ohne Spezialstatus wie etwa Becker oder Klopp kostet im Deutschen Haus 349 Euro, während der Paralympics 199. Im Gegenzug lassen sich die Betreiber in keiner Weise etwas nachsagen: All you can eat and drink, die Getränkekühlschränke sind voll, Pasta samt Pilzrahmsoße steht bereit, Lachsmedaillons in Weißweinbuttercreme, Maishendl an Weißbiersoße. Die geschmorte Kalbshaxe wird in Geleit von zweierlei Knödeln serviert, Klopps Wahl fällt, nun ja, auf den Kartoffelklops. Wer sich nicht sicher ist, wo er sich hier befindet, weiß spätestens nach dem Abendmahl Bescheid.

Deutsches Haus, deutsches Bier, deutsche Vita. Seit 1988 ereignen sich in den Nationenhäusern jene olympischen Geschichten, die im Bierdunst unscharf werden. Oder wie es die Chefin des Hauses am Montag ausdrückt: „Was im Deutschen Haus passiert, bleibt im Deutschen Haus.“ Jedenfalls all das, was nach Mitternacht hinter den Mauern geschieht, oder eben wie dieses Jahr hinter Holzwänden. Seit 14 Jahren organisiert Claudia Wagner alle zwei Jahre die nächste Location. Es sollen dort Momente entstehen, die „nicht rational“ erscheinen, wie ein Gegenentwurf zu den Starthäuschen und Trainingsloipen dieser Zeit. Und wer Wagner zuhört, der meint zu erahnen, dass ihr dieses Unterfangen nicht selten gelingt.

Wagner selbst wirkt nur kurz zurückhaltend, oder eben professionell. Ehe sie sich versieht, bekommt Wagner eine Drei-Liter-Schaumweinflasche in die Hand gedrückt: ein Gastgeschenk der österreichischen Delegation, sogar die ist hier willkommen. Wagner berichtet, wie einst norwegische Athleten ins deutsche Haus kamen, als Norwegen aus allerlei Gründen keine eigene Feierstube zur Verfügung stand. „Wir hatten sie eingeladen, damit sie ihre Medaillen ordentlich feiern können“, sagt Wagner. Und im Feiern, da kennen sie sich hier aus.

Es fließen Bier und Wein, die Stimmen werden lauter, Klopp berichtet von seinen geplanten Besuchen im Biathlon-Antholz, Tina und Knut mischen sich unter Kanuten, Wintersportler und Sponsoren, Letztere sind es, die das ganze Haus samt der üppigen Verpflegung mitfinanzieren. Noch langt keiner auffällig häufig an der Schnapsbar zu, um ein Gelage zu unterstellen, da die Nacht sich erst im Prolog befindet. Sind die Medaillen erst einmal gewonnen, haben sich im Deutschen Haus wilde Stunden ereignet, es geht schon mal bis vier oder fünf Uhr morgens. Und selbst wenn kein Athlet zwingend zur Nächtigung angehalten ist: Auch das kommt schon mal vor, wenn um sechs Uhr morgens die Idee aufkommt, eine weitere Flasche zu entkorken.

Das alles erinnert in Ansätzen an die Weißwurstfete im Skiort Kitzbühel. Allerdings ohne Weißwürste, ohne Arnold Schwarzenegger – und ohne Exklusivität. „Im Stanglwirt mit Arnie“, sagt Tina, die auch die Skiszene verfolgt, „da hätten wir es gar nicht erst versucht.“ Boris Becker wird später von seiner „Seelenverwandtschaft“ mit Klopp berichten, dass sie beide Vertreter des Gegenpressings seien und Gegner des Unentschiedens. Im Haus aber haben sich die meisten entschieden: Die Gläser klirren, die Stimmen überschlagen sich, Mitternacht nähert sich. Und während über Cortina der Schnee vom Himmel fällt, verschwimmt hinter den Holzwänden alles im diffusen Fensterschein.

Snoop Dogg mit Eiskunstläufer Ilia Malinin. Snoop Dogg auf der Eisbearbeitungsmaschine. Snoop Dogg mit zwei italienischen Hunden. Das lebende Maskottchen dieser Spiele legt gut los.

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