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29.01.2026
16:18 Uhr
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Bankchef Christian Sewing wollte auf der Bilanzpressekonferenz des größten deutschen Geldhauses lieber über Rekordgewinne sprechen als über eine Razzia am Vortag. Aber auch zur Rolle der Bank im geopolitischen Machtspiel mit den USA gibt es Fragen.

Am Mittwoch hatten Ermittler der Staatsanwaltschaft Frankfurt die Zentrale in Frankfurt sowie die Niederlassung in Berlin durchsucht. (Foto: KIRILL KUDRYAVTSEV/AFP)
Am Donnerstagmorgen muss Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing gleich zu Beginn der Bilanzpressekonferenz in den Doppeltürmen in Frankfurt vom Redemanuskript abweichen und etwas zu dieser Razzia sagen. Schließlich geht es um Ereignisse, die sich erst am Vortag zugetragen haben – ausgerechnet einen Tag vor Präsentation der Jahreszahlen. Möglicherweise in der Hoffnung, dass sich das Thema damit abräumen lässt, bevor die Fragerunde beginnt.
Am Mittwoch hatten Ermittler der Staatsanwaltschaft Frankfurt die Zentrale in Frankfurt sowie die Niederlassung in Berlin durchsucht. Eine Razzia also, und wieder einmal geht es um den Verdacht von Geldwäsche, noch dazu mit einem früheren Oligarchenkunden, also um Dinge, von denen die Deutsche Bank seit Jahren erzählt, dass sie der Vergangenheit angehörten.
„Eigentlich hatten wir gehofft, dass sich diese Woche Ihre gesamte Aufmerksamkeit auf das Jahresergebnis richtet“, sagt Sewing gleich zu Beginn, und schiebt nach: „Seit gestern wissen wir, dass das nicht ganz der Fall sein wird.“ Die Staatsanwaltschaft ermittle, es gehe um Transaktionen aus den Jahren 2013 bis 2018 und um eine „vorgeblich zu spät abgegebene Geldwäscheverdachtsanzeige“. Man kann das auch so verstehen: Altlasten, Bürokratie, Vergangenheit. Dazu muss man wohl nicht mehr viel sagen aus seiner Sicht. Stattdessen möchte Sewing über ein Jahr sprechen, in dem die Bank „Rekorde aufgestellt, Erwartungen erfüllt und übertroffen“ habe, und das beste Ergebnis ihrer Geschichte erreicht habe.
Natürlich gibt es dann doch zahlreiche Fragen zur Razzia. Durchsuchungen und Ermittlungen waren bei der Deutschen Bank in den vergangenen Jahrzehnten zwar keine Seltenheit. Doch unter Sewings Führung, der den Konzern seit 2018 leitet, wollte man längst tugendhafter auftreten. Ist die Darstellung also plausibel, es handele sich lediglich um eine Altlast? Oder deutet es nicht doch darauf hin, dass etwas Aktuelles im Argen liegt, wenn die Staatsanwaltschaft ausgerechnet einen Tag vor der Bilanzpressekonferenz zugreift?
Sewing ist seit einem Jahr auch für das Rechtsressort im Vorstand zuständig und damit persönlich angesprochen. „Wir haben enorm investiert in den vergangenen Jahren“, sagt er mit Blick auf den Kampf gegen Finanzkriminalität, und wiederholt auf Nachfragen mehrfach sein Eingangsstatement: Es gehe um frühere Jahre, um einen alten Vorgang. Bis es schließlich aus ihm herausplatzt: „Ich gebe Ihnen den derzeitigen Stand, ich kann Ihnen aber natürlich nicht garantieren, dass das alles ist.“ Und: „Wir können jetzt noch zehn Fragen dazu haben, Sie werden nur leider keine weiteren Antworten bekommen.“
Aber nicht nur die Razzia, auch ein weiterer Vorfall beschäftigt die Öffentlichkeit auch jenseits der Fachwelt: Sewing soll vergangene Woche persönlich bei US-Finanzminister Scott Bessent angerufen haben, nachdem ein Devisenexperte aus der volkswirtschaftlichen Abteilung der Bank es gewagt hatte, auf eine schlichte Tatsache hinzuweisen: die Abhängigkeit der USA von Investoren aus Europa. „Europa besitzt Grönland, und sehr viele US-Staatsanleihen“, hatte der Ökonom geschrieben, ein Hinweis, dass Europa im Armdrücken mit den USA doch nicht ganz so machtlos ist. Die Bemerkung brachte die US-Regierung auf die Palme, und der Deutsche-Bank-Chef wähnte sich offenbar in Erklärungsnot, laut Bessent distanzierte sich Sewing im Telefonat sogar von dem Bericht.
Dabei verkauft sich die Bank in der geopolitisch unübersichtlichen Lage als europäische Alternative zu Wall-Street-Häusern, die derzeit schnell auch mal von der eigenen Regierung verklagt werden. Und auch an diesem Donnerstag betont Sewing, die Bank erlebe eine Nachfrage wie nie zuvor von Kunden, die ausdrücklich einen europäischen Partner suchten, weil sie eine Alternative zu US-Banken haben wollten. Bleibt die Frage, die europäische Kunden nun umtreiben könnte: Können sie sicher sein, nicht zur Persona non grata zu werden, falls die US-Regierung jemanden für politisch unerwünscht erklärt? Und wenn ja: Auf welcher Seite stünde dann die Deutsche Bank mit ihrem großen US-Geschäft? Würde sie sich im Zweifel von einem deutschen Kunden trennen?
Sewing verweist darauf, dass die Analyse-Abteilung natürlich unabhängig sei. Und es komme eben vor, dass das Management eine andere Auffassung habe als ein Analyst. Auf die eigentliche Frage zu Kunden geht er jedoch nicht weiter ein. Auch äußert er sich nicht dazu, worin seine eigene Meinung von der des Ökonomen abweicht. Das Thema USA ist nun mal gefährliches Terrain.
Gleichwohl gibt es dann doch noch Interesse für die Zahlen, die im Vergleich zu den Analystenerwartungen gut ausfielen: Unter dem Strich blieb den Aktionären im vergangenen Jahr ein Nettogewinn von 6,12 Milliarden Euro – mehr als doppelt so viel wie die 2,7 Milliarden Euro im Vorjahr, das noch von hohen Kosten für Gerichtsverfahren belastet gewesen war. Vor Steuern erreichte die Bank sogar 9,7 Milliarden Euro Gewinn. Es ist zudem das sechste Jahr in Folge mit schwarzen Zahlen.
Die Aktie der Bank gibt am Donnerstag zunächst leicht nach, hatte in den vergangenen Monaten aber eine Rally hingelegt und notiert inzwischen rund 75 Prozent höher als vor einem Jahr. Viele Analysten sehen das Kurspotenzial damit zwar weitgehend ausgeschöpft. Immerhin aber ist die Bank an der Börse jetzt ungefähr so viel wert wie ihr bilanzielles Eigenkapital – ein wichtiger Gradmesser dafür, dass die Aktionäre dem Zahlenwerk des Konzerns nach vielen Jahren Unsicherheit wieder vertrauen.
Zuletzt gehörten die Investmentbanken, darunter auch die Deutsche Bank, ohnehin zu den Krisengewinnern. Wenn es an den Finanzmärkten rundgeht und Kurse von Aktien, Anleihen oder Währungen stark schwanken – wie gerade der Dollarkurs –, profitieren sie zunächst einmal. So war es zu Beginn des Ukrainekriegs, beim Ausbruch von Corona oder nach dem Zollchaos, was den Wall-Street-Banken 2025 Rekordgewinne bescherte. Sollte es zu einem Crash kommen, ist die Bonanza zwar meist vorbei. Bis dahin aber verdienen Investmentbanken gut.
Auch bei der Deutschen Bank stellt sich daher immer die Frage, woher die Gewinne genau stammen. Im vergangenen Jahr stiegen die Profite zwar in allen vier Geschäftsbereichen deutlich, also bei Privatkunden, Firmenkunden, in der Vermögensverwaltung und im Investmentbanking. Auch 2025 aber hing der Gesamterfolg massiv an den Erträgen aus dem Investmentbanking. Dass dieses Geschäft weit über braves Brot- und Buttergeschäft, etwa Anleihe-Emissionen für heimische Unternehmen, hinausgeht, darauf deutet die vergleichsweise hohe Zahl der Einkommensmillionäre in der Belegschaft hin.
In Fachkreisen ist bekannt, dass ein Teil der Erträge von einem Team in Singapur stammt, das auf den Handel mit komplexen Finanzierungen spezialisiert ist. Bereits für 2024 zahlte die Bank Gesamtboni in Höhe von 2,5 Milliarden Euro – so viel wie seit zehn Jahren nicht mehr. Wie viel es für 2025 sein wird, steht erst im März fest. Sewing deutete jedoch an, dass man erneut großzügig bezahlen wolle: „Wenn die Bank geliefert hat, werden wir das leistungsgerecht vergüten“, sagte er. Das dürfte auch für den Vorstand gelten – es sei denn, Hausdurchsuchungen führen zu einem Abzug.
Erneut eine Razzia bei Deutschlands größtem Geldhaus: Es geht um den Verdacht von Geldwäsche im Zusammenhang mit dem russischen Oligarchen Roman Abramowitsch – ausgerechnet einen Tag vor der Bilanzpressekonferenz.
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