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19.01.2026
11:31 Uhr
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Bei der Demonstration gegen das Weltwirtschaftsforum kritisieren Linke, Wissenschaftler und Feministinnen das Treffen – aus unterschiedlichen Gründen. Auf eines können sich alle einigen: Trump ist in Davos nicht willkommen.

Gleich mehrere der Aktivisten haben sich als Donald Trump oder andere Personen aus der amerikanischen Politik und Kultur verkleidet. (Foto: Denis Balibouse/Reuters)
Das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos ist umstritten. Manche sehen gerade in dem diesjährigen Treffen ein letztes Aufbäumen der internationalen Ordnung, eine letzte Chance für den Multilateralismus. Für andere ist das WEF ein Teil des Problems. Vor allem, seit sich US-Präsident Donald Trump angekündigt hat und damit alle anderen Teilnehmer und Themen in den Schatten stellt.
„Ich finde es eine Schande, dass die bürgerliche Politik in der Schweiz für Trump und andere Kriegstreiber den roten Teppich ausrollt“, sagt Mirjam Hostetmann. Sie ist Präsidentin der Schweizer Jusos, der Jugendorganisation der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SP), die man politisch zwischen der SPD und der Linken einordnen kann. Die Jusos sind Mitorganisatoren einer Protestwanderung und einer Demonstration, die am Wochenende vor dem Beginn des WEF in Davos stattfand.
„Es ist absurd, diesen Menschen eine Plattform zu bieten. Sie sind es, die von Kriegen profitieren und diese auch brauchen“, sagt die junge Politikerin, während auf dem Parkplatz vor dem Rathaus von Davos Transparente ausgerollt werden und die Musikanlage getestet wird. „Ich frage mich, ab welchem Punkt man mit diesen Menschen noch verhandeln kann oder ob man irgendwann mal klare Kante zeigen muss.“ Problematisch findet sie nicht nur Trump, sondern zum Beispiel auch den neuen syrischen Präsidenten Ahmed al-Scharaa. Der soll am Donnerstag in Davos auftreten. „Oder Alex Karp von Palantir, der die digitale Infrastruktur liefert, um Menschen auf der ganzen Welt zu verfolgen“, fährt sie fort. Palantir, benannt nach den weissagenden Steinen aus „Der Herr der Ringe“, entwickelt Überwachungssoftware für Staaten und Unternehmen.
Die Gegner des Weltwirtschaftsforums meinen es ernst mit der grundsätzlichen Kritik an den Teilnehmern und dem Treffen. Ursprünglich wollten sie mit dem Slogan „Friede der Welt, Krieg dem WEF“ nach Davos ziehen. Die Parolen wurden dann aber schon im Vorfeld entschärft. Bis auf eine kurze Straßenblockade durch die Aktivisten auf der Wanderung nach Davos gab es keine Zwischenfälle. Der durch den Sitzstreik verursachte Stau hatte wahrscheinlich auch keinen großen Effekt. Wegen der Anreisen und Vorbereitungen ging es bereits am Wochenende in Davos auf den meisten Straßen nur im Schritttempo voran.
Die Polizei hat den Bereich um den Platz vor dem Rathaus trotzdem vorsichtshalber mit Flatterband abgesperrt und eine Kette auf dem Gehweg zur Promenade gebildet. Keiner der Demonstrierenden soll dort den Aufbau der Pavillons stören, in denen sich die großen Unternehmen auf dem Weltwirtschaftsforum präsentieren. Obwohl man versucht, die Demo so gut es geht zu verstecken, bleiben doch viele Passanten auf der Suche nach ihrem Hotelzimmer oder dem Kongresszentrum kurz stehen und hören sich ein paar der Punkrock-Songs oder die antikapitalistischen Allgemeinplätze an, die von der Bühne geschmettert werden. „Hinter Krieg und Krisen steht das Kapital“ zum Beispiel. Immer wieder versuchen sich Unbeteiligte mit Skiern oder Rollkoffern einen Weg durch die Menge zu bahnen.
Die Demo ist zugelassen für 300 Personen, und der Platz ist gut gefüllt, aber nicht ganz voll. Möglich, dass in Davos insgesamt etwas mehr Demonstrierende unterwegs sind. Die von verschiedenen Seiten angegeben Zahlen zu solchen Veranstaltungen gehen immer weit auseinander.
Die Polizei bleibt die ganze Demo über entspannt, auch als zwei Vermummte auf das Bushäuschen klettern und Sprechchöre den Beamten unterstellen, „Faschisten“ zu beschützen. Die Positionen der Protestteilnehmer sind dabei sehr breit gefächert. Polizisten die Zusammenarbeit mit Faschisten zu unterstellen, ist eher eine Extremposition. Die Palästinensertuchdichte ist zum Beispiel ebenfalls hoch, in den gespielten Songs und manchen Aufklebern geht es aber auch explizit gegen Antisemitismus. Und viele tragen „No Kings“-Schilder, wie bei den Anti-Trump-Demos in den USA.
Unter den Teilnehmerinnen ist auch das Feministische Kollektiv Graubünden. Die Mitglieder stören sich ebenfalls an vielen der Teilnehmer beim WEF. „Wir kommen hierher, um anzuprangern, dass wir als Gastkanton auch verurteilte Verbrecher beherbergen und ihnen eine Bühne bieten“, sagt Giulia Casale. „Wir möchten die Werte des feministischen Friedens vertreten: Lösungen suchen und finden gegen die weltweite Kriegstreiberei und das Aufrüsten.“
In Laborkitteln ist eine ganze Gruppe der Klimaaktivisten von Scientist Rebellion mit nach Davos gewandert. „Das WEF ist ein Symbol der Reichen und Mächtigen und der Großkonzerne, die den größten Beitrag zum Klimawandel leisten“, sagt der Atmosphärenforscher Christoph Rieß. „Das sind die Einzigen, die es ändern können. Sie haben die Macht und lassen uns aber nicht mitreden. Die treffen hinter verschlossenen Türen Entscheidungen für die ganze Welt, für unsere Zukunft, für unsere Kinder, für unsere Umwelt.“ Dieser Meinung sind viele der Demo-Teilnehmer.
Eigentlich war während des Weltwirtschaftsforums noch eine weitere Demonstration geplant. Diese wurde aber nicht genehmigt. „Das finde ich demokratiepolitisch schon äußerst fragwürdig“, sagt Mirjam Hostetmann. Am Montagabend wird dafür auch in Zürich gegen Trump demonstriert. Dort hängen schon seit Wochen die Plakate dafür. Auf viele wurden aber auch Herzchen und andere Liebesbekundungen für Trump gemalt. Trotz der hohen Zölle und seines rabiaten Umgangs mit dem Land hat der US-Präsident in der Schweiz Fans.
Peter Nielsen, der auch in Davos bei der Demo dabei ist, gehört aber definitiv nicht dazu. Er hat eine Dänemark-Fahne an seinem Rucksack befestigt und stammt aus dem Land, dem der amerikanische Präsident gerade Grönland abringen möchte. „Dass Trump kommt, ist ja eigentlich Wahnsinn“, sagt er. „Trump hat immer nur seine eigene Agenda. Er kommt nicht, um hier mit anderen Leuten und Nationen zusammenzuarbeiten. Er kommt, um zu sagen, was er will. Sonst droht er mit den Zöllen oder was auch immer.“
Etwas weiter hat sich ein Demonstrant als Trump verkleidet, mit weißem Hemd, roter Krawatte und rotem Maga-Käppi. Zusammen mit einem anderen, der mit Stars-and-Stripes-Zylinder und rotem Frack wahrscheinlich Uncle Sam darstellen soll, rappt er im Karaoke-Stil zu „Killing in the Name“ von Rage Against the Machine, mit leicht auf Trump angepasstem Text. Ein als Hund verkleideter Demonstrant filmt den Auftritt. Es lachen alle darüber.
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