SZ 28.11.2025
16:47 Uhr

Debatte um Brandmauer: Wie nah ist Marie-Christine Ostermann der AfD?


Die Präsidentin des Verbandes der Familienunternehmer liebte den Angriff, jetzt ist sie in der Defensive.

Debatte um Brandmauer: Wie nah ist Marie-Christine Ostermann der AfD?

Als Marie-Christine Ostermann noch redete, also richtig redete und nicht nur in virtuellen Netzwerken tobte, war sie überall. Im April 2024, zum Beispiel, da saß sie bei Markus Lanz, gleich neben Robert Habeck, damals noch Bundeswirtschaftsminister. Offenkundig eine Frau, die auffallen will. Sie trug einen Anzug – wie meistens –, bonbonfarben, so irgendwas zwischen Fuchsia und Magenta, zum gelben T-Shirt und glänzenden bronzefarbenen Schuhen mit rosafarbenen Sohlen. Das, was nicht wenige Frauen für ein Power-Outfit halten, es soll Stärke signalisieren. Farbe als Mittel der Präsenz im gedeckten Grau-Schwarz-Blau der Herrenrunden. Nichts erscheint zufällig gewählt.

In der Sendung ging es wie so oft um fast alles: das Kalifat, chinesische Spionage, E-Autos, die deutsche Wirtschaft. Ostermann hat zu allem etwas zu sagen, und in Variationen sagt sie es immer wieder: Erbschaftsteuer für Unternehmen? Weg damit! Energie zu teuer! Lohnnebenkosten zu hoch! Solche Klagen gehören zum Basisrepertoire aller Lobbyisten. Ostermann, 47, ist Unternehmerin, aber wo sie auftritt, spricht sie nie nur für sich, sondern als Präsidentin des Vereins „Die Familienunternehmen“. Ihr Textbausteinkasten für solche Podien ist gefüllt mit kurzen eingängigen Botschaften, passend für die schnelle Welt der Posts in virtuellen Netzwerken.

Ob im Wettbewerb der Lobbyisten um die eigene Klientel, um den Platz in Talkshows oder um Gehör in der Politik – stets sucht Ostermann Reichweite für sich und ihren Verband. Die hat sie jetzt. Reichweite war auch ein Thema in der Sendung mit Lanz. Wie kriegt man die meisten Follower: Instagram, X, Linkedin, Youtube, Facebook? Ostermann auf allen Kanälen. Ostermann im Profilfoto, Ostermann auf dem Banner vor oder zwischen gelb-blauen Lkws, auf denen das Logo „RU“ prangt. Das Kürzel RU steht für ihre Firma Rullko aus Hamm in Westfalen. Sie handelt mit Lebensmitteln, beliefert Seniorenheime, Kliniken, Gasthöfe und Sterne-Restaurants, so die Selbstdarstellung auf der Internetseite.

Die Familienunternehmen sorgten für einen starken Zusammenhalt in der Gesellschaft, sagte Ostermann bei Lanz. Aber Ort, Zeit und Talkshow spielen fast keine Rolle mehr. Solche Sätze platziert die 47-Jährige gefühlt in fünf von sechs Diskussionsrunden. Auch diesen: Es sei wichtig, Haltung zu zeigen. Aber es gibt Sätze, die wie Bumerangs sind. Ostermann hat damit nicht nur einen Sturm, sondern längst einen Orkan ausgelöst, der ihr selbst unheimlich geworden zu sein scheint.

Auslöser ist ein parlamentarischer Abend in der Repräsentanz der Deutschen Bank in Berlin, Anfang Oktober. Da soll Albrecht von der Hagen, Hauptgeschäftsführer des von Ostermann geführten Verbandes, gesagt haben: „Diese Brandmauer zur AfD – auch auf Bundesebene, die von den meisten Verbänden bislang aufrechterhalten wurde – hat nichts gebracht. Wir verabschieden uns von den Brandmauern.“ So zitiert ihn das Medienunternehmen The Pioneer. An der Veranstaltung im überdachten Innenhof der Deutschen Bank hätten mehr als 100 Abgeordnete teilgenommen, heißt es aus Teilnehmerkreisen.

Aus der AfD sei nur der Bundestagsabgeordnete Leif-Erik Holm der Einladung gefolgt. „Er stand eine Weile am Tisch des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern herum“, berichtet ein Teilnehmer der SZ. Umso lauter prahlt Holm hinterher.  „Selbst der Verband der Familienunternehmer, der uns früher geächtet hat, lädt uns inzwischen ein“, sagte er The Pioneer. 

Seit Tagen tobt nun eine Debatte über den Umgang mit der AfD. Und Ostermann steckt mittendrin. Die Frau, die den Angriff liebt, ist jetzt in der Defensive. Die Kommentarspalten zu Posts auf Plattformen wie Linkedin werden länger. Es gibt Zuspruch und noch mehr Ablehnung. „Geschichtsvergessen. So fing es schon einmal an. Und in den Kommentaren applaudieren die blauen Nazis“, schreibt einer.

Natürlich gehe die Hetze nicht spurlos an ihr vorbei, sagt sie vor wenigen Tagen in einem Interview des Magazins Wirtschaftswoche.  „Diese Leute wollen, dass ich den Mund halte und Angst habe, aber ich habe keine Angst und lasse mich auch nicht einschüchtern.“

Virtuell wehrt sich Ostermann mit den immer gleichen Argumenten, man wolle die AfD inhaltlich stellen. Und wer sich intensiver mit den AfD-Programmen beschäftigt habe, werde nachvollziehen, „dass wir trotz Gesprächen eine AfD auf keinen Fall als Koalitionspartner in einer Regierung sehen wollen“, schreibt Ostermann in einem Post. Inhaltlich hat der Verband die AfD eigentlich längst gestellt. In einer im Frühjahr veröffentlichten Analyse mit dem Titel „Die wirtschaftsfeindliche Politik der AfD“ nimmt der Verband das Programm der in Teilen rechtsextremen Partei Punkt für Punkt auseinander. Das Steuerkonzept der AfD führe zu rund 50 Milliarden Euro weniger Einnahmen für den Staat. Ein Austritt aus der EU, heißt es in dem Papier weiter, hätte Wohlstandsverluste für alle Bürger zur Folge. Zudem gebe sich die AfD als „Schutzmacht des deutschen Mittelstands“ aus, aber ihre Wirtschaftspolitik richte sich gegen die Interessen der mittelständischen Familienunternehmen und sei ein Risiko für Millionen Arbeitnehmer und Auszubildende.

Das liest sich wie klare Kante und nicht nach einer Demontage der Brandmauer. Warum ist Ostermann jetzt von diesem Kurs abgekommen?

Viele Äußerungen von ihr lesen sich wie ein einziger Widerspruch und wirken bar jeder Logik. Besonders diese: Wenn man feststelle, so Ostermann, dass AfD-Politiker unterhalb toller Überschriften meistens „inhaltlich blank sind oder gar völlig widersprüchliche Konzepte vortragen, dann verfliegt die Sehnsucht nach dieser Partei“. Dazu müsse man aber mit AfD-Politikern ins Gespräch kommen. „Genau das haben wir im Frühjahr mit unseren Gremien beschlossen“, schreibt Ostermann auf Linkedin.

Dabei gefiel sie sich lange Zeit als Schutzmächtige der Familienunternehmen. Ihre Botschaft war stets: Ich bin eine von euch. Sie entstammt einem Familienunternehmen. Vierte Generation. Sie habe mit 16 Jahren gewusst, dass sie die Nachfolge antreten wolle, erzählt sie gerne.

Ihr Urgroßvater Carl Rullkötter hat die Firma im November 1923 in Hamm gegründet. Er steuerte die Firma durch „viele wirtschaftliche, aber auch kriegsbedingte Hindernisse“, heißt es in der Rubrik Historie auf der Internetseite. So knapp lässt sich Geschichte zusammenfassen. Was nicht in der Chronik steht: Carl Rullkötter  war von 1933 bis 1945 Mitglied der NSDAP. Der Fragebogen zur Entnazifizierung liegt der SZ vor. Nach dem Tod des Gründers 1963 führte seine Frau Elly die Firma weiter, ihr folgte ihr Enkel Carl-Dieter Ostermann und später dann dessen älteste Tochter Marie-Christine, Diplom-Kauffrau. Zunächst führten beide die Geschäfte gemeinsam, 2017 zog sich der Senior aus der Geschäftsführung zurück. 240 Mitarbeiter, knapp 100 Millionen Euro Umsatz, heißt es in einem im Frühjahr erschienenen Porträt der zum Bankkonzern ABN Amro gehörenden Bethmann-Bank. Typisch deutscher Mittelstand.

Und eine typisch deutsche Firmengeschichte. Es gibt Zigtausende solcher Familienunternehmen. Ostermanns Verband ist ein Sammelbecken für Mittelständler aller Art, jeder Größe – und jeder Gesinnung. Doch die Firma war Ostermann nie genug,  sie wollte auffallen jenseits von Hamm.

Mitte der 2000er-Jahre tritt sie in „Die jungen Unternehmen“ ein, so heißt die Nachwuchsorganisation des Verbandes „Die Familienunternehmer“ für die unter 40-Jährigen. Ende 2009 übernimmt sie für drei Jahre den Bundesvorsitz. Wenige Monate später rückt sie in das Präsidium des Verbandes Die Familienunternehmer ein, im April 2023 wird sie Präsidentin. Nun ist sie die erste Frau, die den Verband führt. Dabei ist eigentlich schon der Name „Die Familienunternehmer“ eine Anmaßung, als spräche allein der Verein für alle.

Ostermann verschaffte dem Verband eine Präsenz, die weit über die Zahl der rund 6500 Mitglieder hinausstrahlte. Zu den Familienunternehmer-Tagen, der zentralen Veranstaltung, kamen Kanzler und Minister, Wirtschaftsweise. Der Brillenkonzern Fielmann holte sie in den Aufsichtsrat. Sie sitzt im Beirat der Denkfabrik R21, die sich eine Ideenschmiede für neue bürgerliche Politik nennt. Zu den Mitgründern gehört der Historiker Andreas Rödder, der „Brandmauer“ für einen „hysterischen Begriff“ hält, der von den Problemen ablenke. Die Union müsse sich klar gegen den „völkischen Nationalismus in der AfD abgrenzen“, sagt er im Februar 2024 dem Handelsblatt. Der Begriff „Brandmauer“ schließe pauschal aus, er führe zu Solidarisierungseffekten der Ausgeschlossenen, und er verbaue „Rückwege“, sagte Rödder der Wirtschaftszeitung.

Die Diskussion um Brandmauern begann lange vor jenem parlamentarischen Abend Anfang Oktober in Berlin. Aber selten waren die Reaktionen so wuchtig wie jetzt gegen Ostermann und ihren Verband. Sie schreddert gerade, was sie aufgebaut hat. Vertreter namhafter Firmen wie Vorwerk, Rossmann und dm haben ihre Mitgliedschaft gekündigt, obgleich sie wissen, dass unter ihren Lieferanten, Kunden und Mitarbeitern Menschen sein dürften, die mit der AfD sympathisieren, sie wählen oder sogar Mitglieder sind. Einige verlassen jetzt mit Getöse den Verband, andere bleiben leise.

Es gebe unterschiedliche Stimmen im Verband, sagt ein Mitglied der SZ: „Ich glaube nicht, dass man sich mit der AfD auf der Sachebene auseinandersetzen kann.“ Der Aufschrei, der über Ostermann seit Tagen hinwegfege, habe sie überrascht, sagt eine andere Person, die ihr schon mehrmals auf Veranstaltungen begegnet ist. Ihr Urteil: „Ich bin mir sicher, dass Ostermann kein AfD-Fan ist.“

Längst hat sich auf Linkedin die Heidelberger Hôtelière Caroline von Kretschmann geäußert, sie sitzt im Präsidium des Verbandes: „Die Idee, man könne die AfD ‚entzaubern‘, indem man mit ihren Spitzen verhandelt oder sie gar regieren ließe, ist brandgefährlich und funktioniert nicht“, schreibt sie. Und weiter: Eine Zusammenarbeit mit autoritären oder antidemokratischen Kräften auf Bundes- und Landesebene sei kategorisch ausgeschlossen. „Keine Koalitionen. Keine Absprachen. Keine politische Nähe. Diese Linie gilt unverrückbar – auch für den Verband der Familienunternehmer“, schreibt Kretschmann. „Kontaktverbote“ haben ihr zufolge nicht funktioniert. Aber Gespräche mit den Menschen, die solche Parteien wählen – in Betrieben, im Freundeskreis, im Alltag – seien zentral. Kretschmann hat ihrem Linkedin-Post einen Titel gegeben: „Haltung ohne Dialog spaltet, Dialog ohne Haltung schwächt.“

Ein Jammer, dass Kretschmann ihre Kollegin Ostermann nicht rechtzeitig überzeugen konnte.

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