SZ 06.02.2026
13:41 Uhr

Bayerischer Landtag: „Rückwärtsgewandte Symbolpolitik“ – CSU-Mann nennt Atomkraft-Pläne unrealistisch


CSU-Chef Markus Söder kämpft seit Jahren für die Kernenergie. Ausgerechnet der Energiepolitiker Steffen Vogel widerspricht nun im Landtag deutlich: „Es wird in Deutschland kein Atomkraftwerk mehr gebaut werden.“

Bayerischer Landtag: „Rückwärtsgewandte Symbolpolitik“ – CSU-Mann nennt Atomkraft-Pläne unrealistisch

Es ist demnächst drei Jahre her, seit das letzte bayerische Atomkraftwerk vom Netz gegangen ist, Isar 2 bei Landshut. Doch der Phantomschmerz ist im Freistaat noch immer groß. Besonders heftig ist die Nuklear-Nostalgie bei den Vertretern der Vergangenheitspartei AfD ausgeprägt. Aber auch in der CSU und vor allem bei Parteichef Markus Söder herrscht Sehnsucht nach Kühltürmen und Radioaktivität.

„Die Option Kernkraft muss offengehalten und die Wiederinbetriebnahme der zuletzt abgeschalteten Kernkraftwerke geprüft werden“, forderte er im Bundestagswahlkampf vor einem Jahr. Weil selbst Söder nach der Wahl einsehen musste, dass eine Reaktivierung von Isar 2 praktisch unmöglich ist, verlegte er sich zuletzt auf eine neue Forderung: sogenannte Mini-AKWs (Small Modular Reactors).

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Als Vorbild für Bayern nannte Söder einen Kleinreaktor in Kanada, bei dem es sich allerdings um eine Forschungsanlage aus dem Jahr 1959 handelt. Eine Studie im Auftrag des Bundesamts für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung kam zum Ergebnis, dass eine Marktreife der Minimeiler nicht absehbar sei. „Nach wie vor bestehen erhebliche Forschungs- und Entwicklungsbedarfe.“

Auch in der CSU gibt es inzwischen ernst zu nehmende Stimmen, die keine Atommärchen mehr verbreiten wollen. „Es wird in Deutschland kein Atomkraftwerk mehr gebaut werden“, rief der CSU-Abgeordnete Steffen Vogel in der jüngsten Landtagssitzung Richtung AfD-Fraktion, als diese mal wieder Kühlturm-Romantik verströmt hatte. „Das ist unrealistisch. Das muss man einfach benennen dürfen.“

Von AfD-Zwischenrufen unbeeindruckt („Sagen Sie das dem Söder!“) fuhr der Energiepolitiker fort: Es gebe keine Mitarbeiter mehr, Genehmigungen seien unrealistisch, hinzu kämen Klagerisiken. „Wir sind bei diesem Thema durch, und deshalb ist das rückwärtsgewandte Symbolpolitik, wenn Sie so etwas fordern.“ Applaus kam an dieser Stelle vor allem von den Grünen. Sie dürfen in Vogel nun einen Kronzeugen für ihre Kritik an Söders AKW-Gedankenspielen sehen – auch wenn er den Ministerpräsidenten gar nicht erwähnte.

Vogel ist als Bezirkschef der CSU-Unterfranken und Mitglied des Fraktionsvorstands nicht irgendein Hinterbänkler. Andererseits pflegt der 51-Jährige mit den bunten Anzügen einen unkonventionellen Stil, folgt nicht blind der Parteispitze. Im vergangenen Jahr artikulierte er den Wunsch „nach Veränderung“ in der CSU: „Weniger ich – mehr wir.“ Den Namen Söder erwähnte er freilich auch da nicht.

Judith Gerlach, Andrea Lindholz, Dorothee Bär – Unterfrankens CSU hat prominente Gesichter. Chef aber ist ein gewisser Steffen Vogel. Wer? Über eine erstaunliche, aber erfolgreiche Führungsvariante in der CSU.

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